Stammtisch der GFO 20.01.2020

Stammtisch der GFO 20.01.2020

Der Stammtisch der GFO am 20. Januar im Welfensaal des Restaurants „Meiers Lebenslust“ hat wieder sehr viel Spaß gemacht. GFO-Vorstandsmitglied Gabriele Warda hatte dies wie immer perfekt organisiert. Am langen Tisch im Raum war dann jeder Platz besetzt und als ob es abgesprochen worden wäre, blieb kein einziger Platz frei.

Wie immer hatte Frau Warda auch diesmal Gäste aus dem Opernhaus eingeladen. Wie immer war die Mischung so gut und die Arbeitsgebiete der Gäste so abwechslungsreich, dass sich intensive und interessante Gespräche nach dem Essen ergaben. Orchesterdirektor Ingo J. Jander erzählte von den vielfältigen und komplexen Aufgaben, die zur Organisation von vielen Dingen rund um das Orchester erforderlich sind. Spannend klang das, aber auch sehr herausfordernd. Die beiden Chormitglieder Vera Balzer und Giorgi Darbaidze erzählten von Ihrer Arbeit und wie viel Spaß es macht, sich immer wieder neuen Herausforderungen auf der Bühne zu stellen. Sie erklärten einige Unterschiede zwischen Chormitgliedern und Solisten – die Ausbildung ist gleich, Chormitglieder haben aber feste Verträge, Solisten sind nur zeitlich begrenzt engagiert. Es ist also auch eine Frage der Sicherheit, ob man eine Karriere im Chor einschlägt. Herr Darbaidze kommt ursprünglich aus Georgien und sang uns mit seiner beeindruckenden Bassstimme das georgische Volkslied „Suliko“ an. Hier konnte man aus der Nähe bemerken, wie klangkräftig eine ausgebildete Stimme ist. Die Beiden treten auch mit Soloprogrammen auf. (Hier füge ich eine Werbung ein: der nächste Termin ist am 1. Februar im „Tango Milieu“ in Linden.)
Aus dem Orchester waren aus den zweiten Violinen Doris Anna Mayr und Yaroslav Bronzey als Gast dabei. Frau Mayr stammt aus Österreich und ist eine der Stimmführerinnen der zweiten Violinen. Herr Bronzey stammt aus der Ukraine, ist nach dem Studium an der Musikhochschule Hannover ins Orchester gekommen und nun in seinem Probejahr. Beide erzählten sehr zuhörenswert von ihrer Arbeit.

In den intensiven Gesprächen wurden viele spannende und berührende Dinge gestreift. Es ging z.B. darum, wie emotional schwierig es ist, sein Land zu verlassen, wie komplex es rund um Arbeitserlaubnis und Visum ist und wie schwierig es ist, eine Festanstellung zu bekommen.

Es war wieder ein außerordentlich interessanter Abend. Den Menschen im Opernhaus, ihrer Arbeit und ihren Geschichten kommt man ganz nah. Die Stammtische der GFO sind dazu eine perfekte Gelegenheit. Gäste sind übrigens willkommen!

Hans-Joachim Riehn (Beirat)

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Kostprobe „Der Barbier von Sevilla“ 13.01.2020

Kostprobe „Der Barbier von Sevilla“ 13.01.2020

Sandra ThenSandra Then
(Fotos und Copyright: Sandra Then)

Ab dieser Saison gibt es als Angebot für das Publikum die „Kostprobe“. Sie ermöglicht die Teilnahme an einer Probe für ein neues Stück, umrahmt von Vor- und Nachgespräch. Auch heute war der Marschnersaal wieder voll von erwartungsvollen Gästen, bei der Probe gab es dann fast keinen freien Platz mehr im ersten Rang.

Zur Einführung war das ganze Leitungsteam der Inszenierung da, die Dramaturgin Julia Huebner moderierte.

Wie bringt man ein solches Stück – eine eher komische Oper, uraufgeführt 1816 – in die heutige Zeit? Das Stück zeigt eine von Intrigen durchseuchte Gesellschaft. Jede Figur versucht, für sich das Bestmögliche herauszuholen. Für die Regisseurin Nicola Hümpel ist es reizvoll, gerade dies in einer Inszenierung für das Heute abzubilden. Das Mittel Video wird genutzt, um den Figuren tiefer in die Seele zu blicken. Für die Regisseurin ist ein Videoeinsatz anders auch nicht sinnvoll. Das Video dient hier als Opernglas in die Seele. Wir werden die Gedanken der Menschen sehen können, die manchmal etwas anderes aussagen als das, was sie singen. Der Abend wird sozusagen ein Film, der während der Vorstellung live erzeugt wird. Das ist eine enorme Herausforderung für die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne.

Der Bühnenbildner Oliver Proske führte aus, dass das Bühnenbild ein eigentlich ganz klassisches ist. Drei Räume auf der Drehbühne, die Rückwand dient als Leinwand für die Videos. Die Kameras für die Livevideos sind links und rechts fest positioniert.

In der Klavierprobe (also ohne Orchester) sahen wir dann den Beginn des ersten Aktes. Die Kostüme waren Probenkostüme, sie deuteten also die realen Kostüme nur an. Wir konnten miterleben, wie auf der Bühne das Agieren miteinander und mit den Kameras im Detail geprobt wurde. Es war auch sehr unterhaltsam, den Sängerinnen und Sängern beim Agieren zuzuschauen. Hubert Zapior als Barbier war herrlich, ein Kobold, der mit allem flirtet, das auf die Bühne kommt.

Für mich ist so ein Probenprozess genauso aufregend wie die Aufführung selbst. Man taucht in den Prozess des Entstehens ein, ist so der Inszenierung ganz nah. Ich inszeniere in Gedanken immer mit, Varianten gehen durch meinen Sinn, Fragen kommen auf. Für mich erhöht das den Reiz einer Inszenierung außerordentlich, sie wird so auch „meine“ Inszenierung.

In der Nachbesprechung mit Julia Huebner wurden dann intensiv und konstruktiv Fragen beantwortet und Ansichten ausgetauscht. Erzeugt der Videoeinsatz mehr Nähe oder erhöht diese weitere Ebene die Distanz? Auf welche Ebene richtet sich die Aufmerksamkeit? Kann man als Zuschauer von einer Ebene in die andere springen? Alle waren sich einig, dass dies ein spannender Abend wird, der aber etwas höhere Anforderungen an das Sehen stellen wird (jedenfalls zu Beginn). Lässt man sich ein, dann ist man dem Geschehen unheimlich nah. Mehr möchte ich aber nicht verraten.

Das Angebot der „Kostproben“ ist angekommen beim hannoverschen Publikum. In der Nachbesprechung wurde deutlich, dass alle wirklich interessiert sind – so viele sachliche und konstruktive Fragen und Anregungen habe ich selten gehört. Besonders gefreut hat mich, dass viele jüngere Menschen unter den Besuchern waren. Vielleicht springt der Funken der Opernbegeisterung durch so ein Format besonders gut über!

Hans-Joachim Riehn

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Neujahrskonzert 2019/20 am 01.01.2020

Neujahrskonzert 2019/20 am 01.01.2020

In den letzten Jahren ging es in den Neujahrskonzerten an der Staatsoper Hannover im Walzertakt beschwingt und locker zu. Diesmal stand ganz klassisch die 9. Sinfonie von Beethoven auf dem Programm. Das Niedersächsische Staatsorchester spielte unter der Leitung des jungen, aufstrebenden Dirigenten Michele Spotti, das Quartett der Solostimmen war mit Solisten aus dem Ensemble der Staatsoper exquisit besetzt.

Beethoven brach in dieser Sinfonie mit vielen Konventionen und Hörgewohnheiten seiner Zeit. Das revolutionäre Feuer in dieser Musik wurde mir selten so klar sichtbar gemacht wie heute. Nichts von weihevollem Pathos, nichts von staatstragender Betulichkeit – dafür Hitze, Farbe, Aufruhr, Aufbegehren. Gerade einmal fünfundsechzig Minuten brauchten alle für diese Musik, die wie ein Naturereignis über das Publikum kam. Der Start in das Beethovenjahr 2020 wurde zu einem Ereignis.

Der erste Satz setzt leise und harmonisch unbestimmt ein. Es wirkt wie ein Nebel, durch den immer mehr Lichtreflexe dringen. Ein wuchtiges Thema bricht herein, voll dramatischer Spannung. Bei Michele Spotti klang das so, als ob man die Fensterläden aufreißt und die sengende Sonne hereinbricht. Kleinere Episoden rufen den Eindruck von Ruhe und Frieden hervor. Es sind nur Inseln im Drama des ersten Satzes. Diese Musik ist wie ein Kampf gegen eine feindliche Welt, sie ist ein heroisches Aufbäumen, wunderbar herausgearbeitet vom Orchester.

Die düster-heroische Stimmung setzt sich im zweiten Satz fort, der mit einem Scherzo von dämonischer Kraft beginnt, in dem Pauken auf den Hörer einschlagen. „Widerstand“, das schreit für mich aus der charakteristischen Rhythmusfigur entgegen. Es ist vorwärtsstürmende Musik voll pulsierender Energie, nichts kann sie aufhalten. Michele Spotti ließ die Akkorde hereinbrechen wie Blitzschläge, unerbittlich wie das Schicksal. Im Trio weicht diese kämpferische Welt helleren, friedlicheren Klängen. Fast zart schimmerten hier die Farben aus dem Orchester hervor. Dann kehrt die düstere Unerbittlichkeit wieder und zerschlägt den Frieden.

Im Gegensatz dazu ist der dritte Satz ein ruhiger Gesang, eine Musik nicht mehr ganz von dieser Welt. Er ist so ein Gegenpol zur Unerbittlichkeit und Harschheit des zweiten Satzes. Die Musik ist voller Gefühl, ein Traum von Frieden, Glaube, Hoffnung und Liebe, ein Traum von einer anderen Welt. Einige kurze Weckrufe tönen gegen Schluß hinein (ich summe dazu immer den fiktiven Text „Wachet auf“), können die Träumerei aber nicht beenden. Ich habe diesen Satz selten so voller Innenspannung erlebt wie heute, selten so voller fast impressionistischer Farben. Mahlers langsame Sätze schimmerten hindurch, wie eine Vorahnung der Zukunft.

Heftige Dissonanzen zerstören mit Beginn des vierten Satzes die Idylle. Ein rezitativischer Gesang der tiefen Streicher deutet das „Oh Freunde nicht solche Töne“ an. Die Dissonanzen brechen wieder herein. Themen der ersten Sätze tauchen auf, können sich aber nicht durchsetzen. Leise hebt die Melodie des „Freude schöner Götterfunke“ in den Streichern an, wie eine Verheißung der Rettung, wird immer intensiver und strahlender. Orchester und Dirigent gestalteten dies so bewegend, dass mir fast die Tränen dabei kamen. Sie formten mit Musik eine Vision einer besseren Welt. Aber die brutalen Dissonanzen brettern mit einer Gewalt herein, als ob sie dieses Bild zerschlagen wollen. In Michele Spottis Interpretation konnte man fast Angst bekommen vor diesen Akkorden.

Nun bricht Beethoven die sinfonischen Konventionen seiner Zeit völlig und lässt die menschliche Stimme dazutreten. Lässt sich die Realität nur mit Gesang und Worten überwinden? Der Solo-Baßbariton singt sein „Oh Freunde, nicht solche Töne“ und beendet damit die Herrschaft des Bösen (oder der realen Welt?). Immer jubelnder übernimmt der Chor mit „Freude schöner Götterfunke“, die Solisten fallen ein. Gesangs- und Orchesterwellen steigern sich immer mehr. Grandios die Leistung des Chores, der dies wie aus einer überirdischen Welt der Freude heraus sang, emotional bewegt, voller Hingabe an die Musik. Der feierliche Ruhepunkt des „Seid umschlungen“ klang dann so wirklich wie eine Gottesverehrung.

Das vor dem Chor platzierte Soloquartett ließ sich voll von dieser Hingabe anstecken und mischte seine fast unsingbaren, melismatischen Gesangslinien den ekstatischen Klängen bei. Voller Jubel und Glanz endete die Sinfonie in einem alles mitreißenden Hymnus.

Ich habe diese Sinfonie selten so voller Spannung, Dichte und Emotion gehört wie heute in der Interpretation des Niedersächsischen Staatsorchester unter Michele Spotti. Sie verwandelten Musik in ein Ereignis. Der Chor unter der Leitung von Lorenzo da Rio machte aus dem Finale Musik von fast glühender Intensität, zu der das großartige Solistenquartett Hailey Clark (Sopran), Monika Walerowicz (Alt), Long Long (Tenor) und Daniel Miroslaw (Bass) die funkelnden Glanzlichter beitrug.

Es war das zweite Konzert an diesem Neujahrstag in dieser Besetzung. Die Musik klang dabei so frisch, als ob sie ganz neu komponiert wäre. Die Unerhörtheit dieser Musik wurde für mich endlich wieder einmal hörbar. Enthusiastischer Beifall des ausverkauften Hauses für alle war der verdiente Lohn. Ein interstellares Erlebnis!

Hans-Joachim Riehn

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Fröhliche Weihnachten

  • Die GFO wünscht allen eine schöne und besinnliche Weihnachtszeit!
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Vorstellung „La Boheme“ am 15.12.2019

Vorstellung „La Boheme“ am 15.12.2019

Mein Plan war, zu jeder Neuinszenierung und zu jedem Konzert einen Bericht zu schreiben. Für die jetzt zwanzig Jahre alte Inszenierung von „La Boheme“ mache ich eine Ausnahme. Hier präsentieren sich die „italienischen Stimmen“ des neuen Ensembles in so beeindruckender Weise, dass darüber berichtet werden muss. Die intensive, zu Herzen gehende Musik, die an der Geschichte orientierte, poetische Inszenierung von Chris Alexander und die wunderbaren Stimmen vereinen sich zu einem Dreiklang der Verzauberung.

Der erste Akt spielt am Weihnachtsabend im Quartier Latin in Paris. Das Bühnenbild von Kathrin Kegler überzeugt durch seine Schlichtheit, einige Requisiten wie ein Sessel auf einer Fläche markieren das Zimmer, eine weißliche Schräge im Hintergrund ist die Schneelandschaft auf den Dächern.

Hier führen vier Studenten ein ärmliches, aber fröhliches Leben. Der Schriftsteller Rodolfo (Long Long), der Maler Marcello (Germán Olvera), der Musiker Schaunard (James Newby) und der Philosoph Colline (Richard Walshe) sitzen frierend und hungrig in ihrer Mansarde. Puccini gestaltet diese Szene fast rezitativisch und gibt den Stimmen so Gelegenheit, sich vorzustellen. Alle Darsteller zeigten sich in diesem Ensemble sehr ausdrucksstark. Besonders gefiel mir, dass es ein Ensemble von durchgängig jungen Darstellern mit jung klingenden Stimmen war. Es wirkt merkwürdig, wenn die Studentendarsteller zu alt sind.

Jordan de Souza, Kapellmeister der Komischen Oper Berlin, leitete sicher und präzise durch das Stück. Mir erschien aber im ersten Akt die Lautstärke etwas hoch. Teilweise überdeckte das doch die Stimmen. Die Musiker des Niedersächsischen Staatsorchesters gestalteten Puccinis Musik aber tadellos und arbeiteten insbesondere die Kontraste zwischen den fröhlichen und den traurigen Stellen bewegend heraus.

Den Vermieter Benoît (Tiziano Bracci) können die Freunde abwimmeln. Freudig beschließen sie, ins Café Momus im Quartier Latin zu gehen, um das Weihnachtsfest zu feiern. Rodolfo bleibt zurück. Es klopft, es ist seine Nachbarin Mimì (Barno Ismatullaeva), eine junge Näherin, der die Kerze ausgegangen ist. Die Musik wechselt ins Schwelgerische.

Rodolfo stellt sich vor und erzählt von sich (Arie „Che gelida manina“). Long Long hat eine frei strömende, leuchtende Stimme mit mühelosen Höhen. Nichts klingt beengt oder angestrengt. Leider musste auch er hier ein bißchen gegen das Orchester ansingen. Er ist ein Sänger der feinen Darstellung, kein alles überschreiender Kraftprotz-Tenor.

Mimi stellt sich ebenfalls vor und erzählt von ihren Träumen (Arie „Sì. Mi chiamano Mimì“). Barno Ismatullaeva hat dafür eine ideale Stimme. Intensiv strahlend ist sie, für die Klangfärbung habe ich die Assoziation „rotgolden“ oder „rubinrot“. Es ist lodernde Glut und Lebenssehnsucht, die in dieser zierlichen Person steckt. Der Blitz der Liebe schlägt ein und die Beiden gestehen sich ihre Liebe (Duett „O soave fanciulla“). Zwei wunderbare Stimmen finden zueinander.

Zu Beginn des zweiten Aktes kommen Mimi und Rodolfo gemeinsam ins Cafe Momus, wo die anderen bereits fröhlich feiern. Buntes Treiben herrscht auf dem Platz vor dem Café. In diesem weihnachtlichen Trubel konnten Chor und Kinderchor ihre Qualitäten ausspielen, präzise auf den Punkt, farbenreich und lebendig im Klang. Die Kostüme von Marie-Therese Cramer bezauberten hier mit viel Pariser Flair.

Musetta (Hailey Clark) kommt dazu, die ehemalige Geliebte von Marcello. Sie wird von ihrem reichen Liebhaber Alcindoro (Patrick Jones) begleitet. Musetta ist aber viel stärker an Marcello interessiert und zieht alle Register (Arie „Quando m’en vò“). Hailey Clark ist ein ganz anderer Typ von Sopran, heller in der Tönung, eher weißgolden, es ist immer so etwas wie Schalk in der Stimme. Sie gestaltete die Szene kapriziös und voller Verlockung. Es ist kein Wunder, dass Marcello nicht widerstehen kann und sie wieder zusammenkommen. Alle Stimmen vereinen sich zu einem mitreißenden Ensemble. Die Freunde verschwinden und Alcindoro muss die Zeche bezahlen.

Der dritte Akt spielt draußen vor der Stadt an einem Gasthaus an einer Zollschranke. Es ist kalt, der Schnee fällt. Die Kälte ist fast bis in den Zuschauerraum zu spüren. Mimì fragt Marcello wegen Rodolfos Eifersucht um Rat. Als Rodolfo erscheint, versteckt sich Mimì. Aus dem Gespräch der beiden Männer erfährt sie dann die Beweggründe Rodolfos. Er liebt Mimì nach wie vor, da diese aber sehr krank sei, kann er ihr wegen seiner Armut nicht helfen und will sie deshalb verlassen. Mimì verrät sich durch ein Husten und beide schließen sich in die Arme.

Das Orchester spielte hier leiser als im ersten Akt, was den Stimmen mehr Raum gab. Germán Olvera als Marcello konnte hier seine Qualitäten ausspielen. Sein Bariton ist warm, männlich und klangschön.

Mimi und Rodolfo beschließen ihre Trennung. Weil aber ihre Liebe so groß ist, beschließen sie, sich erst im Frühling zu trennen. Der Zweiklang der Stimmen war hier fast noch intensiver als im ersten Akt. Es gelang beiden Sängern zudem sehr gut, die Verzweiflung und Todesahnung bei aller Süße des Gesangs durchscheinen zu lassen. Es rührte das Herz. Gleichzeitig haben Musetta und Marcello einen heftigen Streit und auch sie nehmen voneinander Abschied. Das Quartett „Addio dolce svegliare alla mattina“ dieser vier Stimmen war für mich einer der Höhepunkte des Abends.

Der vierte Akt spielt wieder im Zimmer des ersten Aktes und wieder beginnt er mit einer fast komischen Szene der vier Freunde. Hier konnte auch James Newby als Schaunard seine schöne, maskuline Stimme und sein komisches Talent präsentieren.

Da bringt Musette die sterbenskranke Mimi zu ihnen. Die Musik wechselt abrupt ihren Charakter. Um Medizin zu besorgen, beschliessen die Freunde zu helfen. Musetta will ihren Schmuck zu veräußern, Colline seinen geliebten Mantel. Wehmütig verabschiedet er sich von ihm (Arie „Vecchia zimarra, senti“). Richard Walshe als Colline erschien mir im ersten Akt noch ein bisschen schüchtern, hier klingt sein Bass samten, jugendlich und verletzlich, es passt ganz wunderbar. Hailey Clark überzeugte auch hier, ihre Stimme hatte das Kapriziöse verloren, war weicher, emotionaler geworden.

Nachdem die Freunde gegangen sind, erinnern sich Rodolfo und Mimì an ihre ersten Begegnung. Mimì versichert Rodolfo noch einmal ihre Liebe (Arie „Sono andati? Fingevo di dormire“), was dieser erwidert. Es ist kaum möglich, mehr Sehnsucht und Abschied in die Stimmen zu legen als das Barno Ismatullaeva und Long Long hier taten. Schließlich kehren die Freunde zurück. Mimì kann sich noch kurz über den mitgebrachten Muff freuen, ehe sie stirbt. Rodolfo sieht dies als Letzter und bricht zusammen. Und wer da nicht sein Taschentuch herausholen muss, der ist wirklich abgebrüht!

Es war ein bewegender Abend mit hervorragenden schauspielerischen und gesanglichen Leistungen. Auch in den kleineren Rollen (Benoît: Tiziano Bracci, Parpignol: Jaean Koo, Alcindoro: Patrick Jones, Pflaumenverkäufer: Thomas Kubitza, Zöllner: Valentin Kostov, Sergeant: Darwin Prakash) wussten alle zu überzeugen. Chor, Kinderchor und Orchester agierten präzise und spielfreudig.

Ich kann einen Besuch dieser Inszenierung nur empfehlen. Sie ist jetzt zwanzig Jahre alt, aber immer noch schön – und gehört irgendwie zum hannoverschen Weihnachten. Ich würde mich freuen, wenn das als Tradition so bleibt.

Hans-Joachim Riehn

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Vorstellung „Märchen im Grand Hotel“ 07.12.2019

Vorstellung „Märchen im Grand Hotel“ 07.12.2019

Wenn das Publikum so wie hier zum Schluss in langanhaltenden, lauten Jubel ausbricht, es gejohlt wird und es Bravos gibt, dann haben alle rund um das Bühnengeschehen es richtig gemacht. Ein eher leichter Operettenstoff wurde ernst genommen und ohne karikierende Übertreibungen durch den Regisseur Stefan Huber elegant und schwungvoll umgesetzt. Mit berauschender Spielfreude, mitreißendem Gesang, steppenden Kellnern, beschwingten Tanzszenen, bunten Kostümen, viel Gefühl und Witz wurde auch ich begeistert.

Die konventionelle Operettenhandlung ist in diesem Stück in eine Rahmenhandlung eingebettet. Auf der Suche nach einem glamourösen Filmstoff mit Darstellern aus dem Leben macht sich im Vorspiel die Filmproduzententochter Marylou (Valentina Inzko Fink) auf nach Cannes. Dort logiert im Exil die Prinzessin Isabella (Mercedes Arcuri), die sie zur Hauptfigur in ihrem Film ausersehen hat.
In den zwei folgenden Akten läuft dann die eigentliche Operettenhandlung ab. Wir erleben sozusagen den Film mit, der erst gedreht werden soll. Der Kellner Albert (Alexander von Hugo), in Wahrheit der Sohn des Hotelbesitzers Chamoix (Frank Schneiders), verliebt sich in Isabella, die sich in ihn. Isabellas Verlobter, Prinz Andreas (Philipp Kapeller), bandelt mit Marylou an. Die Paare finden sich hier überkreuz und brechen das konventionelle Schema „hohes Paar“ und „niedriges Paar“. Die Verwirrungen sind groß, aber es gibt noch kein Happy End. Albert ist für Isabella nicht standesgemäß und sie kann nicht über ihren Schatten springen.
Im Nachspiel sind wir dann wieder in der Filmfirma. Der Film ist fast fertig, Isabella spielt die Hauptrolle, ein großer Erfolg wird erwartet. Es fehlt nur das Happy End. Aber auch das wird arrangiert. Albert lässt sich in den Hochadel hineinadoptieren und dem romantisch verklärten Ende steht nichts mehr im Wege.

„Märchen im Grand Hotel“ war 1934 ein umjubelter Premierenerfolg in Wien. Die frische Mischung aus Operette, Charleston und Jazz kam beim Publikum an. In Deutschland wurde das Stück wegen der jüdischen Abstammung des Komponisten nicht aufgeführt. Paul Abraham war auf seinem Weg ins Exil.

Das Libretto parodiert das Genre Operette, indem es das übliche Thema der Standesunterschiede fast ironisch aufgreift und die Welt des adligen Exils auf die Welt Hollywoods treffen lässt. In der Musik begegnen sich ebenfalls zwei Welten – Operettenseligkeit trifft auf Tango, Foxtrott und Charleston. Einflüsse aus dem Jazz und aus der damaligen zeitgenössischen Musik sind spürbar. Abraham wurde zu Recht als „der deutsche Gershwin“ bezeichnet. Bei aller Fröhlichkeit und Ironie ist aber eine gewisse Melancholie zu spüren. Figuren sind allein, heimatlos, ein Happy End gibt es nur im Film. Hier spiegelt sich auch das Schicksal von Paul Abraham wider, der nach großen Erfolgen seine Heimat Berlin verlassen musste, um dann in Amerika im Exil zu stranden.

Der lebensprühenden Inszenierung von Stefan Huber gelingt es, diese auch ernsteren Aspekte im Blick zu behalten, ohne dabei den Schwung der Handlung zu unterbrechen und ohne alles mit zu viel Zucker zu überziehen. Stefan Huber hat in Nürnberg „Ball im Savoy“ und an der Komischen Oper Berlin „ Roxy und ihr Wunderteam“ von Abraham inszeniert, mit „Märchen im Grand Hotel“ wird er weiter zur längst fälligen Abraham-Renaissance beitragen.

Für ganz viel Schwung sorgt auch das aufwendige Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter. Auf der fast ständig kreisenden Drehbühne sind drei Drehpodien im Einsatz, die zudem noch durch Drehtüren miteinander verbunden sind. Alles ist in Bewegung, nichts steht still, schnellste Szenenwechsel sind so möglich, blitzschnell wird von der Rezeption in das Schlafzimmer der Prinzessin „gedreht“, das Auge kann kaum folgen. Das ist auch eine echte Herausforderung für die Darsteller, da nichts da stehenbleibt wo es war. Und über allem strahlen leuchtende Lettern: Grand Hotel. Die Kostüme von Heike Seidler sind dazu das Sahnehäubchen, sie geben dem Geschehen das passende, mondäne Hollywood-Flair.

Die Originalfassung der Operette ist durch den Arrangeur Kai Tietje um mehr Tanz und weitere Instrumente erweitert worden. Die vier Klarinetten werden aus Gründen der Ausgewogenheit durch drei Saxophone ergänzt. Wunderbare Stepptanz-Choreographien, entwickelt von Andrea Danae Kingston, machen aus den Zwischenmusiken kleine Höhepunkte. Dazu wurde dem originalen Männerquartett ein ebenfalls steppendes und singendes Frauenquartett hinzugefügt. Diese acht Personen treten als Dramaturgen, Sekretärinnen, Hotelgäste und Hotelangestellte auf, sie verwandeln die Operette in eine Revue, eine beeindruckende Vorstellung!

Das ganze Ensemble ist mit einer solchen Spielfreude dabei, dass es ein wirkliches Vergnügen ist, zuzusehen und zuzuhören.

Alexander von Hugo spielt den tollpatschigen Kellner Albert in bester Musical-Manier. Für seine Solo-Steppnummern bekommt er verdient lauten Szenenapplaus. Auch Valentina Inzko Fink als Marylou steppt und singt mit Bravour.

Mercedes Alcuri als Isabella ist der operettenselige Gegenpol. Ihr leuchtend klingender Koloratursopran gibt der Rolle Verletzlichkeit, Koketterie und gleichzeitig Würde. Wie sie beim Künstlerlunch der GFO erzählte, war der umfangreiche deutsche Text für sie als Argentinierin eine große Herausforderung – auf der Bühne klingt das leicht, locker und perfekt.

Philipp Kapeller gibt der Rolle des Prinzen Andreas mit viel österreichischem Charme wunderbar Kontur, ein Operettentenor, wie er im Buche steht.

Die etwas kleineren Rollen sind ebenfalls hochkarätig besetzt und tragen viel zum sehr guten Gesamteindruck bei. Welches Haus hat schon solche Darsteller wie Frank Schneiders (Hotelchef Chamoix), Carmen Fuggiss (Gräfin Inez) und Daniel Eggert (Großfürst Paul) für Nebenrollen? Auch Ansgar Schäfer (Macintosh), Andreas Zaron (Matard) und Henrike Starck (Mabel) machten ihre Sache großartig.

Das Niedersächsische Staatsorchester unter der Leitung von Florian Groß spielte die Musik in ihrer Mischung aus Schlager, Jazz und Operette lebendig und glanzvoll, mit genau der richtigen Portion Sentimentalität. Bigband können sie auch!

Es war ein schöner Abend, der große Beifall war hochverdient. Eine eindeutige Empfehlung von mir für alle, die mit Niveau unterhalten werden wollen.

Hans-Joachim Riehn

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3. Sinfoniekonzert „Klangrausch“ 24.11.2019

3. Sinfoniekonzert „Klangrausch“ 24.11.2019

Im dritten Sinfoniekonzert der Saison standen Werke dreier Klangmagier im Fokus – Ravel, Debussy und Zemlinsky. Wie nutzen diese drei Komponisten die Möglichkeiten, Farbe in der Musik zu erzeugen, um ihre ganz unterschiedlichen Klangwelten zu realisieren – das war der Kern des Konzerts. So erläuterte dies in der Einführung Jordan de Souza, seit 2017 Erster Kapellmeister an der Komischen Oper Berlin, der diesmal das Niedersächsische Staatsorchester leitete. Die Erwartung war geweckt, sie wurde großartig erfüllt.

Den Auftakt bildete das „Menuet antique“ von Maurive Ravel. Ursprünglich handelte es sich hier um ein frühes Klavierstück des Komponisten, diese jugendliche Frische ist zu spüren. Als gereifter Komponist hat Ravel dann die gehörte Orchesterfassung geschaffen. Die altertümliche Tanzform des Menuetts wird in die Farben des Impressionismus getaucht.

Ravel überzieht diese konventionelle Struktur gleichsam mit glitzernden Farbspritzern, gibt kleinsten Einheiten eine individuelle Färbung. Diese kurze Stück erwies sich so als schwungvolle Ouvertüre für das Konzert und präsentierte die solistischen Fähigkeiten aller Instrumentengruppen wie auf einem Tablett.

„La Mer“ von Claude Debussy ist eines der zentralen Werke des französischen Impressionismus. Drei sinfonische Bilder schildern dabei nicht realistisch das Meer, sondern geben verschiedene Facetten des Meeres wieder. Sie arbeiten die Essenz heraus, die Gefühle, wenn man sich aus der Ferne an den Ozean erinnert. Diese Erinnerung verwandelt sich hier in glitzernde, gleißende Musik.

Der erste Satz „Morgengrauen bis Mittag auf dem Meer“ beginnt leise, wie ein gewispertes Geheimnis, Stille über dem Wasser. Über diesem glitzernden Teppich erheben sich Fanfarenmotive wie leuchtende Musikpunkte. In der Musik leuchtet die Sonne so strahlend und klar wie über dem Meer. Im zweiten Satz „Spiel der Wellen“ funkeln und gleißen die Klänge in einem unablässigen Auf und Ab. Das Licht bricht sich in den Wellen und die Musik tut es dem Licht nach. Der dritte Satz „Dialog zwischen Wind und Meer” ist zuerst eine Art Zwiegespräch zwischen verschiedenen Motiven, mit bedrohlichen Untertönen. Das Stück gipfelt in einer dramatischen Sturmszene und klingt mit einem Hymnus aus, einer Apotheose des Meeres.

De Souza ging dieses Stück sehr energisch und dramatisch an, nichts war zu spüren von Weichlichkeit oder Sentimentalität. Die Klangwelt ist durch von innen heraus leuchtende Klangflächen geprägt. Hier wurden jede Stimme und jedes Detail präzise herausgearbeitet. Alles erschien mir so deutlich wie klares, reines Licht, das in einem Kristall gebrochen wird. Oft höre ich „La Mer“ wie ein eher harmloses Wassergeglitzer gespielt, nichts davon hier. Das Meer ist hier keine blaue Lagune, es ist eine Naturgewalt, voller Ungeheuer unter der Oberfläche. Eine begeisternde Darbietung von Orchester und Dirigent!

Nach der Pause erlebte die „Lyrische Sinfonie“ von Alexander Zemlinsky ihre hannoversche Erstaufführung. 1922/23 komponiert, schaut hier Zemlinsky zurück auf das, was ich immer als musikalischen Jugendstil bezeichne, die spätromantische Musik der Jahrhundertwende am Übergang zum Expressionismus und zur Moderne. Ähnlich wie in Mahlers „Lied von der Erde“ werden Gedichte vertont, hier von Rabindranath Tagore, und abwechselnd von einer Bariton- und einer Sopranstimme gesungen. Die beiden Stimmen stehen dabei in einer Art Dialog zueinander.

Anders als bei Mahler ist die „Lyrische Sinfonie“ ein durchkomponiertes Gebilde, ein musikalisches Liebesdrama mit längeren orchestralen Abschnitten und nur unmerklichen Pausen zwischen den Sätzen. Die Sätze decken das ganze Spektrum ab zwischen Licht und Düsternis, zwischen flirrenden Klängen, die eine traumhafte Stimmung verbreiten und Passagen, die in den Expressionismus und in die atonale Musik hineinweisen. Dabei bleibt die Musik immer verankert im Klangreich der Spätromantik. Der Klangrausch ist von einer anderen Art als der lichtdurchflutete französische Impressionismus, Richard Wagner und Richard Strauss als Ahnen schimmert durch. Mich erinnerte diese Musik an einen Garten, der von einem tropischen Urwald überwuchert wird, voller gedämpfter Farben, getaucht in ein musikalisches Zwielicht.

In der Sopranpartie war Aga Mikolaj zu hören, sie ist ehemaliges Mitglied der Bayerischen Staatsoper und nun weltweit gefragte Konzert- und Operninterpretin. Michael Kupfer-Radecky bot die Bariton-Partie dar. Er ist seit dieser Saison neu im Ensemble der Staatsoper Hannover und ein erfolgreicher Interpret von von Strauß- und Wagner-Partien an großen Opernhäusern Europas. Beide bewältigten ihre schwierigen Partien sehr gut und auch textverständlich (was in den lauteren Passagen eine Herausforderung war). Allen Darbietenden gelang es, das wuchernde Dickicht der dramatischeren Passagen transparent und klar aufzuhellen, ohne an Wucht zu verlieren. An den zarteren Stellen wurde wunderbar herausgearbeitet, worauf es Zemlinsky wohl ankam – Klangzauber durch Mischung von Klangfarben zu einem Pastellklang.

Ein sehr schönes Konzert war zu hören. Die unterschiedliche Herangehensweise der drei Komponisten wurde deutlich. Höhepunkt für mich war der Debussy, den ich selten so beeindruckend gehört habe. Der lange Beifall im fast ausverkauften Opernhaus war mehr als verdient. Weiter so!

Hans-Joachim Riehn

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Erster GFO-Künstlerlunch der neuen Spielzeit

Erster GFO-Künstlerlunch der neuen Spielzeit im Luisenhof mit acht wunderbaren Gästen aus dem Opernhaus – und einem Kontrabass. Es war eine sehr schöne Veranstaltung. 51 GFO-Mitglieder erhielten wieder einmal viele Einblicke in die Arbeit in der Staatsoper Hannover. Dem neuen Team wünschen wir weiterhin viel Erfolg.
Der nächste GFO-Künstlerlunch findet am 14.06.2020 statt. Gäste sind wie immer herzlich willkommen.

Foto v.l.n.r: Martin Mutschler, Christiane Hein, Kathrin Einenkel, Mercedes Arcuri, Susanne Weisgerber, Anke-Christiane Beyer, Laura Berman, Victoria Kirst, Sandra Huber

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Schülerkritiken zu La Juive und Tosca

Tosca, Staatsoper Hannover, 30. Oktober 2019
Ein gelungener und spannender Opernabend

Tosca ist eine Oper in drei Akten von Giacomo Puccini und wurde am 14. Januar 1900 in Rom uraufgeführt. Die hannoversche Inszenierung von Vasily Barkhatov feierte am 20. Oktober 2019 Premiere im Opernhaus und hat seitdem für viel Aufsehen gesorgt. So war ich vor unserem Opernbesuch sehr gespannt, was mich erwarten würde.
Mir haben besonders die Musik und das Bühnenbild gefallen. Die Musik war beeindruckend und hat die Stimmungen und Emotionen sehr gut untermalt. Durch das Bühnenbild konnte man sich sehr gut in die jeweilige Handlung hineinversetzen. Etwas verwirrend und störend fand ich jedoch die zahlreichen Mitarbeiter, die im Hintergrund während der Aufführung mit Um-und Aufbau beschäftigt waren.
Die Sänger haben mir ebenfalls sehr gut gefallen. Sie haben ihre Rollen sehr authentisch gespielt. Allerdings war die Figur der Tosca am Anfang etwas schwach und konnte nicht wirklich herausstechen. Das wurde jedoch zunehmend besser und so fand ich die Leistung der Sängerin insgesamt sehr gut. Scarpias Persönlichkeit wurde durch sein Kostüm sehr gut in Szene gesetzt. Durch den langen schwarzen Umhang wirkte er einerseits angsteinflößend und bedrohlich, andererseits betonte das Kostüm auch seine Machtposition. Die Kostümierung von Tosca war sehr schlicht. Das schwarze Kleid und der braune Mantel wirkten auf mich eher trist und in Verbindung mit den weißen Schuhen und dem durchsichtigen Rucksack sehr modern. Ich hätte mir für Tosca ein etwas farbenfroheres und weniger modernes Kostüm gewünscht.
Obwohl die Handlung teilweise etwas verwirrend war, war der Opernabend insgesamt sehr beeindruckend und ich bin mit vielen neuen Eindrücken nach Hause gegangen.

Schülerin (Klasse 10d)

Viel Drama in der Oper

Am 30. Oktober besuchten wir in der Staatsoper Hannover die Oper Tosca von Giacomo Puccini (1858-1924), inszeniert von Vasily Barkhatov. In dem Stück geht es um die Beziehung der berühmten Sängerin Tosca zu dem Maler Cavaradossi und dem Priester (bzw. Polizeichef) Scarpia. Wir bekamen eine dramatische, teilweise verwirrende Mischung aus Liebe, Machtkampf, Missbrauch, Erpressung und Mord zu sehen und zu hören. Besonders beeindruckend war dabei die musikalische und schauspielerische Umsetzung. Wir hörten schöne Chöre und gute Solisten, besonders gefiel mir Damir Rakhmonov als Cavaradossi. Das Bühnenbild war sehr ansprechend und überraschend, teilweise wurden mehrere Ebenen bespielt. Trotz der deutschen Übertitel war es jedoch teilweise – besonders im Schlußteil – schwierig der Handlung zu folgen und sie zu verstehen. Daher verließ ich die Oper am Ende etwas ratlos, erlebte aber trotzdem einen spannenden Opernabend.

Schülerin (Klasse 9c)

Kritik zu „La Juive“ vom 24. September 2019

„La Juive“: eine Oper über das Missachten, das Missverstehen zwischen zwei Religionen. Als unsere Gruppe aus der Vorstellung von „La Juive“ kam, waren wir uns alle einig, dass dies die beeindruckendste Oper bisher war.
Ich war vor allem sehr mitgenommen vom Ende des dritten Aktes, in dem Rachel und ihr Vater Éléazar vor den Augen der feierlichen Gesellschaft festgenommen und gedemütigt wurden, indem man ihnen den Judenstern auf ihre Hemden zeichnete oder sie mit Nahrungsmittel bewarf.
Erst beim späteren Reflektieren ist mir klargeworden wie extrem diese Konflikte zwischen zwei Religionen leider noch heute sind, auch wenn es vielleicht nicht immer so an die Öffentlichkeit gelangt. Es wird auf Leuten herumgehackt, weil sie anders sind als die Masse. Wobei man hier natürlich darüber diskutieren kann, inwieweit Menschen überhaupt anders sein können, weil es in meinen Augen keinen Menschen gibt, den ich als menschliches Ideal oder als „normal“ bezeichnen würde.
Was ich persönlich bei der Inszenierung nicht richtig verstanden habe, ist die Rolle der Menschen in Mäusekostümen, die die Festumzüge begleitet haben.
Im Gegensatz dazu fand ich die Message der Geschichte über Rachel und Éléazar für unsere heutige Gesellschaft sehr gut, auch wenn ich befürchte, dass man die Diskriminierung verschiedener Gruppen und auch den Machtmissbrauch mancher Menschen nicht von heute auf morgen ändern kann.
Abschließend kann ich sagen, dass ich die Oper „La Juive“, auch wegen des Bühnenbildes, der fantastischen Sänger, der Kostüme und natürlich der Inszenierung extrem beeindruckend fand. Sie regte mich sehr zum Nachdenken an, weil ich mich von Anfang an von der Story komplett abgeholt fühlte.
Für jüngere Schüler jedoch, würde ich diese Oper nicht empfehlen, weil das Hintergrundwissen fehlen könnte und sie dann die ganze Storyline nicht richtig nachvollziehen können.

Linda, Gymnasium Burgdorf (Jahrgang 12)

La Juive – 24. September 2019

Die Aufführung von LA JUIVE fand ich wirklich toll, da mir ganz viele Aspekte der Oper überaus gut gefallen haben: Besonders die Inszenierung war sehr gut. Sowohl die Zeitreise in die Vergangenheit als auch die Darstellung des Antisemitismus fand ich sehr überzeugend.
Zudem wurde die Liebesgeschichte von Prinz Leopold und Rachel sehr schön und realistisch dargestellt. Persönlich war ich besonders von der Handlung gerührt: Dass Prinz Leopold trozt seiner Religion und trotz der drastischen Konsequenzen, die der Ehebruch mit sich führen würde, eine leidenschaftliche Liebe mit Rachel eingegangen ist.
Sehr schön emotional war außerdem die Orchestermusik, die die Handlung auf besonders dramatische Weise unterstützt hat.
Bezogen auf die Handlung fand ich es allerdings sehr schade, dass Rachel am Ende alle – sogar sich selber – verraten hat und es zu keinem Happy End gekommen ist. Das hätte ich lieber gesehen.
Insgesamt war die Aufführung jedenfalls wirklich sehr mitreißend.

Senim, Georg-Büchner-Gymnasium, Seelze (Jahrgang 11)

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Kostprobe „Märchen im Grand Hotel“ 06.11.2019

Kostprobe „Märchen im Grand Hotel“ 06.11.2019

Die „Kostprobe“ ist ein neues Angebot der Oper – die Teilnahme an einer Probe für ein neues Stück, dazu gibt es ein Vor- und ein Nachgespräch. Wer schon einmal bei so einer Probe zugeschaut hat, der weiß, wie spannend das ist. Karten konnten für zehn Euro gekauft werden, für Mitglieder der GFO gab es ein zusätzliches, kostenfreies Kontingent an Karten. Ähnliche Veranstaltungen für die GFO und für Abonnenten gab es bereits vorher, jetzt aber ist die Teilnahme für alle möglich.

Der Marschnersaal war voll gefüllt, dieses neue Angebot stieß erfreulicherweise auf großes Interesse. Chefdramaturgin Regine Palmai begrüßte uns und wartete gleich mit einer Überraschung auf. Der Probenablauf hatte sich kurzfristig geändert. Heute gab es keine Bühnenorchesterprobe wie geplant, sondern die Klavierhauptprobe. Wir würden also einen schon zu großen Teilen fertigen Ablauf sehen, dazu mit Kostümen, Bühnenbild und Requisiten. Alles noch nicht ganz perfekt, aber doch schon nah am Endergebnis, noch ohne Orchester, nur mit Klavier. In der Regel mögen Regisseure bei einer Klavierhauptprobe keine Besucher, Regisseur Stefan Huber machte für uns eine Ausnahme. Nach einem Grußwort der GFO-Vorsitzenden Johanna Paulmann-Heinke (die GFO fördert diese Inszenierung) warteten die Dramaturgin Julia Huebner und der stellvertretende Studienleiter Florian Groß mit interessanten Erläuterungen und Details zum Stück auf. Dann schlichen wir uns alle ganz leise in die laufende Probe auf der Hauptbühne. Fast der ganze erste Rang war mit uns Besuchern gefüllt.

Das Bühnenbild machte schon mal einen guten Eindruck, aber ich will nichts verraten (die Welt dreht sich im Dreibühnentakt). Auch die schön bunten Kostüme machten Lust auf große Operette. Es machte Spaß, den Darstellern bei der Probenarbeit zuzuschauen, die schönen Melodien zu hören, den kecken Zwischentexten zu lauschen und die famosen Tanzeinlagen zu bewundern. Wer Stepptanz liebt, der kommt auf seine Kosten! Das Bühnenbild ist eine echte Herausforderung für die Darsteller, da alles in Bewegung ist. Es gab einen köstlich komischen Moment, als X (ich verrate den Namen nicht) dreimal nicht den richtigen Eingang fand. Aber beim vierten Versuch klappte es dann doch. Es wird eine herrlich beschwingte Inszenierung einer Operette mit Ohrwurm-Musik. Die Operettenseligkeit ist durchtränkt mit Swing und Jazz-Anklängen, dies konnte selbst das Klavier allein vermitteln. Alles ist aber auch durchtränkt mit einer gewissen Melancholie – die Hauptpersonen des Stücks sind im Exil im Hotel, so wie es der Komponist Paul Abraham zur Zeit der Komposition auch war.

Mittendrin gab es eine Pause in der Probe, wir blieben sitzen. Es war eine wunderbare Gelegenheit, Regine Palmai mit allen möglichen Fragen zu löchern.Es wurde zum Beispiel klar, wie der gesamte Probenprozess abläuft und was für eine organisatorische Herausforderung das ist. Auch die Nachbesprechung mit Julia Huebner wurde rege für Fragen und Diskussion genutzt.

Die Kostprobe ist ein tolles Angebot, man kann live in der Vorbereitung eines Stückes dabei sein. Wir bekamen einen Einblick in die Komplexität der Abläufe. Opernneulingen nimmt dies mit Sicherheit die Scheu vor einem Opernbesuch. Und es macht Spaß und ist aufregend, mit den Profis hautnah ins Gespräch zu kommen.

Ich freue mich schon auf die nächste Kostprobe. Angekündigt werden sie im monatlichen Programm des Opernhauses. Dann heißt es schnell sein, um eine Karte zu bekommen. Oder pfiffig sein und Mitglied der GFO werden, um Karten aus dem zusätzlichen Kontingent zu ergattern. Wir können dann zuschauen, wie ein Märchen auf der Bühne für uns entsteht.

Hans-Joachim Riehn

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