1. Sinfoniekonzert „Speaking Drums“ 22.09.2019

1. Sinfoniekonzert „Speaking Drums“ 22.09.2019

Auf dieses erste Konzert der Saison war ich besonders gespannt. Das Programm mit Frank Zappa, Peter Eötvös und Dmitri Schostakowitsch war ambitioniert und ungewöhnlich, auch hier zeigt sich der Aufbruch in neue Zeiten, der mit dem Wechsel der Intendanz verbunden ist. Ein Konzert „zwischen Konformität und Kollision“, wie es in der Ankündigung stand. Ein Konzert im klassischen Ablauf „kurzes Instrumentalstück – Solokonzert – Sinfonie“, also ganz konform. Aber Musik von drei Komponisten erklang, die subversiv die Erwartungen eines Konzertpublikums unterläuft.

Das Niedersächsische Staatsorchester spielte diesmal unter der musikalischen Leitung von Kevin John Edusei, der in dieser Saison auch die „Tosca“ dirigieren wird. Der Dirigent ist seit 2014 Chefdirigent der Münchner Symphoniker, er war zudem bis 2019 Chefdirigent am Konzert Theater Bern.

Das Programm begann mit drei kurzen Stücken von Frank Zappa. Diese Musik verbindet Muster der Rockmusik mit klassischen Strukturen und Klangflächen. Die Musik erinnerte mich an Strawinsky, Varese, aber auch an Bernstein und die Musik einer Bigband. Elektronisch verstärkte Instrumente mischen sich in die Klänge eines Sinfonieorchesters, das muss man mögen.

„Dog Breath Variations / Uncle Meat“ ist ein polyrhythmisches, hochkomplexes Gewebe, nah an der Avantgarde. Das zweite Stück „Outrage at Valdez“ kommt als düsteres Largo daher, dominiert von tiefen, bedrohlichen Tönen der Pauke und einem Alphorn, das wie ein Nebelhorn hineinklingt. „G-Spot Tornado“ beschloß diesen Einstieg dann mit einem wilden, fröhlichen Tanz in einem dahinjagenden Rhythmus. Mich hielt es kaum im Sitz. Alle drei Stücke spielte das Orchester absolut präzise und mitreißend. Kein Zweifel, Frank Zappa ist ein hörenswerter Komponist der Moderne.

Das Solokonzert „Speaking Drums“ von Peter Eötvös war in vieler Hinsicht ungewöhnlich. Ein moderner Komponist, ein Schlagzeugkonzert, mit vertonten dadaistischen Gedichten. Der Solist Simone Rubino – er gewann 2014 mit 21 Jahren den ARD-Musikwettbewerb – tobte wie ein Derwisch zwischen den vierzehn Schlaginstrumenten hin und her, ab und zu rhythmisch passend Gedichtsilben rufend oder schreiend. Strukturierte Passagen mischten sich mit Abschnitten, die wie frei improvisiert klangen. Hochvirtuos das alles, eine Mischung aus Performance, Dialog mit dem Orchester und heidnischem Ritual. Ich war mir unklar, ob ich das Stück als Konzert bezeichnen sollte, Musik-Zirkus mit Poesie passte für mich besser. Aber auch ein Zirkus ist gut gemacht und man kann fasziniert zuschauen. Man kann auch „Oh mein Gott“ sagen, aber das wäre eine zu ernsthafte Perspektive. Es hat Spaß gemacht zuzuschauen. Würde man das Stück nur hören, so würde es einen großen Teil seiner Wirkung einbüßen.

In der Einführung sagte Simone Rubino, dass er sich zu dieser Performance beim Einüben eine Geschichte ausgedacht hatte. Quasimodo redet, umschmeichelt sein Schlagwerk, zwei kleine, kichernde Monster mischen sich immer wieder ein. Quasimodo betet seine Prinzessin an, aber es geht nicht gut aus. Diese Geschichte machte für mich das Ganze überraschend verständlich und so fanden auch die leisen, poetischen Passagen der Musik eine emotionale Erklärung für mich. Das Orchester zeigte viel Spielfreude, offenbar hatten sie auch Spaß an diesem Ereignis. Als Zugabe spielte Simone Rubino ein Stück von Piazzolla auf der Marimba, wunderbar melancholisch. Absolute Stille im Publikum, dann fast noch mehr Beifall als vorher.

Nach der Pause ging es dann vermeintlich konventioneller weiter mit der 5. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Hier war ich besonders gespannt, ich mag diese Komposition sehr. Der Komponist war wegen sogenannter modernistischer Tendenzen in Ungnade gefallen und musste unter dem Stalin-Regime um sein Leben fürchten. Die fünfte Sinfonie erschien dann mit dem Etikett „schöpferische Antwort eines Sowjetkünstlers auf gerechte Kritik“. Vermeintlich hält sich die Sinfonie an das Schema „per aspera ad astra“. Mitreißende Musik ist so entstanden. Aber diese Konformität und Regimetreue wird ständig unterschwellig untergraben.

Die Musik ist voll von tiefen Kontrasten. Traumverlorene Passagen treffen auf verzerrte Märsche, überzeichnete Ländler auf ins Banale abgedriftete Volkstümlichkeit, unfassbar traurige Klagegesänge eskalieren in verzweifelten Ausbrüchen. Der Finalsatz endet in einer jubelnd klingenden Apotheose über einem hämmernden Ostinato. Pauken schlagen auf das Publikum ein. Dieser Triumph ist in seiner Übertreibung schal, es ist ein erzwungenes „Jubeln musst du!“, eine parteitagsübliche Verzerrung der Realität. Dies ist subversive Kritik durch zu viel Jubel.

Schroffe Abgründe tun sich also in dieser Musik auf, Stimmungen unterschiedlichster Art stehen dicht nebeneinander. All dies müssen Orchester und Dirigent für das Publikum herausarbeiten, ohne plakativ zu werden. Das gelang exemplarisch. Das Orchester ließ sich vollkommen auf die Emotionen der Musik ein. Im ersten Satz deckten brüchige Stellen in den Bläsern auf, dass die Sentimentalität nur vorgetäuscht ist. Die Verzweiflung des dritten Satzes traf voll ins Herz, ich hatte Tränen in den Augen. Den auf einem Akkord erstarrten Streicherjubel des Finales habe ich selten so deutlich als Fassade, als hohles Etwas empfunden. Langer Beifall mit Bravos. Kevin John Edusei warf seinen Blumenstrauß unter großem Jubel ins überraschend junge Publikum. Für mich als Zuschauer harmonierten Orchester und Dirigent. Ein großer Abend.

Hans-Joachim Riehn

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