Einführungsmatinee „La Juive“ 08.09.2019

Einführungsmatinee „La Juive“ 08.09.2019

Die erste Einführungsmatinee unter der neuen Intendanz, ich war gespannt. Auch der Raum ist neu, solche Veranstaltungen finden nun im neu gestalteten Marschnersaal statt und nicht mehr im Lavesfoyer. Der neue Raum ist intimer, keine Sonne brennt herein. Auch vom Regionsentdeckertag draußen drang kein Laut ins Innere. Es gibt sogar Tische, perfekt für mich dazu, Notizen zu machen. Die Veranstaltung war gut besucht und die Tische sorgten dafür, dass man auch untereinander ins Gespräch kommen konnte.

Regine Palmai, Chefdramaturgin der Oper, sprach kurze, einleitende Worte, dann betraten der Dramaturg Martin Mutschler, die Regisseurin Lydia Steier und der Dirigent Constantin Trinks die Bühne. Nun, nicht ganz die Bühne, die Drei saßen nicht erhöht. Sie entschlossen sich dann, während ihrer Redebeiträge aufzustehen, damit sie besser zu sehen waren. Vielleicht besteht die Möglichkeit, für spätere Veranstaltungen dieser Art ein temporäres, kleines Podium hereinzustellen.

Martin Mutschler machte eine kurze Vorstellung (ich habe durch eigene Recherche noch etwas ergänzt). Lydia Steier stammt aus den USA. Sie wurde 2016 für „Donnerstag aus Licht“ von Stockhausen mit dem Preis der Zeitschrift „Opernwelt“ für die beste Inszenierung ausgezeichnet. Zwei ihrer Regiearbeiten wurden für den renommierten FAUST-Theaterpreis nominiert. Sie inszeniert an großen Häusern (u.a. Komische Oper Berlin, Semperoper), im letzten Jahr war von ihr bei den Salzburger Festspielen die „Zauberflöte“ zu sehen. Constantin Trinks ist auf der ganzen Welt tätig. Bis 2012 arbeitete er als Generalmusikdirektor in Darmstadt, seitdem ist er freischaffender Dirigent. Er dirigiert u.a. an der Deutschen Oper Berlin, der Bayrischen Staatsoper München und der Hamburgischen Staatsoper.

Ein erster Eindruck verfestigte sich schnell – alle brennen für das Stück. Ihre Wortbeiträge zeigten tiefe Einblicke in den Stoff und die Hintergründe.

Zu „La Juive“ von Fromental Halevy gab es einige einführende Worte. Es ist eine ausladende, opulente Oper auf ein Libretto von Eugene Scribe, die 1835 uraufgeführt wurde. Hauptpersonen sind der jüdische Goldschmied Eleazar, seine Tochter Rachel und der Kardinal Brogni, dazu kommen ein Prinz, Leopold, als Verführer der Tochter und dessen oberflächliche Ehefrau Prinzessin Eudoxie. Alles spielt sich ab im fünfzehnten Jahrhundert im Spannungsfeld der Religionen. Es geht um die Frage, wie viel Toleranz eine Mehrheit gegen eine Minderheit aufbringen muss. Dies ist eine Frage, die zur Zeit der Handlung genauso gesellschaftlicher Sprengstoff war wie zur Zeit der Uraufführung und genauso wie heute. „La Juive“ war eine der erfolgreichsten Opern des neunzehnten Jahrhunderts, bevor sie dann „vergessen“ wurde. Ein jüdischer Komponist, ein jüdischer Stoff, die Oper verschwand ab 1933 vollständig von der Bühne und wird nun langsam wiederentdeckt. In Hannover wurde sie 1930 zum letzten Mal gezeigt.

Schon die erste Szene dieses für Lydia Steier „superpräsenten Stoffes“ führt in den Konflikt hinein, fast wie in einem Thriller. Der erste Akt spielt während eines wegen der Konzilseröffnung in Konstanz verordneten christlichen Feiertags. Weil er durch seine hörbare Hämmerarbeit die Ruhe stört, soll Eleazar als Ketzer bestraft werden. Der Großvogt fordert in einem Schnellurteil den Tod für ihn und seine Tochter. Das wird durch das Eingreifen des Kardinals Brogni verhindert.

„La Juive“ ist eine „Grand Opera“ mit fünf Akten, Ballett, Massenszenen, großen Chören und herausfordernden Solopartien. Das Stück ist lang, es ist und war normal, zu kürzen. Hier in Hannover wurde bei den instrumentalen Einlagen (z.B. dem Ballett) gestrichen, das Stück dauert nun dreieinhalb Stunden. Wichtig war aber, die Struktur der Oper auf keinen Fall zu verletzen.

Constantin Trinks erzählte, dass er zuerst Vorbehalte gegen die ihm unbekannte Musik hatte, weil sie überhaupt nicht zu seinem Kernrepertoire (Strauß, Wagner) passte. Nun aber ist er begeistert von der Musik. „Es ist eine Schande, dass ich es nicht kannte.“ Besonders beeindruckt ist er vom Schluss der Oper. Für ihn ist das einer der beklemmendsten Opernschlüsse, die er kennt. Das Erzählen darüber lässt ihm eine Gänsehaut über den Arm laufen. Die Geschichte eskaliert nämlich, Rachel und Eleazar werden dann doch zum Tode verurteilt. Im Augenblick des Todes von Rachel enthüllt Eleazar dem früheren Magistrat und jetzigen Kardinal Brogni Rachels wahre Identität: Sie ist dessen verlorengeglaubte Tochter. Eleazar hatte sie seinerzeit unbemerkt aus dem brennenden Haus Broglis retten können. Eleazar geht triumphierend in den Tod, Brogni bricht zusammen. Musikalisch sei dies beeindruckend umgesetzt, ein allmähliches Ausdünnen und Verdämmern der Musik.

Es ist sehr viel Dramatik und Tragik im Stück, aber auch etwas Rossinihaftes, es geht teilweise auch lustig und witzig zu. Der Kontrast zwischen Humor, Ironie und Dramatik ist groß und erschütternd, aus dieser Fallhöhe bezieht die Oper einen großen Teil ihrer Wirkung.

Constantin Trinks ging dann näher auf die Musik ein. Sie übte erheblichen Einfluss auf Wagner auf, der dieses Stück immer verehrte. Die Originalpartitur war im Besitz Wagners und wird heute noch in der Villa Wahnfried aufbewahrt. Musik und Stoff sind ein gewisser Vorgriff auf den frühen Wagner, es ist ein Musikdrama in der Hülle einer Grand Opera. Es gibt viele Tonartenwechsel und viel Chromatik. Es ist noch nicht so weit entwickelt wie später bei Richard Wagner, aber doch erheblich komplexer als bei den meisten Stücken seiner Zeit. Die Musik ist teilweise sehr anspruchsvoll. Der Einsatz des Englischhorns für melancholische Stellen war wegweisend für spätere Werke, man denke hier an Dvoraks neunte Sinfonie.

Besonders hingewiesen wurde von allen Drei darauf, dass die Dramatik des Stoffes sich auch im Kontrast der Figuren zeigt, insbesondere dem zwischen Eleazar und Kardinal Brogni. Die Charaktere sind dabei aber ambivalent, nicht reinweiß oder tiefschwarz, sie sind nicht stereotyp gezeichnet. Der Kardinal ist unendlich milde. Aber wie weit ist das nur Show für das Publikum? Eleazar ist unsympathisch, von einem Trauma verletzt. Er ist aber auch gnadenlos ehrlich und liebt seine Tochter. Er leidet an seiner Vergangenheit, in der der Magistrat Brogni (damals noch kein Kardinal) seine zwei Söhne hat hinrichten lassen. Eleazar ist hart, dogmatisch und unbeugsam geworden und sinnt auf Rache. Hier stellt sich nicht nur für die Inszenierung die Frage, wie tolerant man gegen eine Person einer Minderheit sein kann, wenn sie nicht sympathisch ist. Rachel ist die einzige Person, die man am ehesten als uneingeschränkt edel bezeichnen kann, vielleicht ist sie daher auch die Titelfigur.

Lydia Steier und Martin Mutschler gingen dann ausführlich auf den Inszenierungsansatz ein. Für sie ist die Oper ein Stück über Machtmissbrauch und Machtstrukturen. Alte Bilder und Vorurteile halten diese Machtstrukturen aufrecht, lenken populistisch das Volk. Gezeigt wird dies hier am Beispiel des Konflikts zwischen Juden und Christen. Diese verfestigten Vorurteilsbilder werden in jedem der fünf Akte in einer anderen Zeitperiode gezeigt. Es beginnt Anfang der Sechziger des zwanzigsten Jahrhunderts im ersten Akt, geht dann mit den Zwanzigern im zweiten Akt weiter. Der fünfte Akt ist dann im fünfzehnten Jahrhundert angekommen. Mit dem Stück fällt man durch die Zeitalter, aber das Bild bzw. Vorurteil bleibt immer präsent. Das Mittelalterbild ist gegenwärtig, dies ist die Schlussfolgerung. Diese Zeitreise zeigt, woher die Klischees in unseren Köpfen kommen.

Bei aller Tiefe ist die Oper aber auch sehr unterhaltsam. Das ist die Herausforderung für eine Inszenierung. Beides – Tiefe und Unterhaltsamkeit – muss sichtbar werden. Es gibt fünfhundert Kostüme und über einhundert Perücken, der „Schauwert“ tritt in Interaktion mit dem Hintergrund des Stückes.

Lydia Steier sagte mit leicht trockenen Humor, dass als Amerikanerin ihr kultureller Hintergrund der Broadway sei. Man muss aus einem Stück herauskommen und muss es genossen haben. Man muss nicht nur etwas gelernt haben. Ein reines Lehrstück sei für sie langweilig. Sinnlichkeit und Farbe zeigen für sie die Fallhöhe des Stückes viel deutlicher.

Alle Drei waren sich dann in der Zusammenfassung über die Kernpunkte einig. Es geht um den Konflikt zwischen Mehrheit und Minderheit, dargestellt am Beispiel des Konflikts zwischen Juden und Christen. Es geht um Toleranz und Intoleranz ganz allgemein. Es geht um diesen Konflikt bei Menschen, die nebeneinander und miteinander leben (müssen). Es geht um die Frage, wie weit man den Anderen in seiner Fremdheit gelten lassen kann. Die Zeit der Uraufführung war eine Zeit großer gesellschaftlicher Auseinandersetzungen – in denen leben wir jetzt wieder. Die Grenzen von Toleranz und Offenheit in solchen müssen diskutiert werden, dazu ist diese Oper sehr gut geeignet.

„La Juive“ ist voll von hochkomplizierten und anspruchsvollen Partien. Mit einem Beispiel trat Matthew Newlin auf, er sang die Serenade des Leopold „Loin de son amie vivre sans plaisirs“. Hier steht in der Rolle ein Verführer auf der Bühne, leichtlebig, ganz ohne Sicht auf das, was er tut und was er zerstört. Der lyrische Tenor Matthew Newlin ist seit 2013 Ensemble-Mitglied der Deutschen Oper Berlin, wo er Hauptrollen wie Tamino, Belmonte, Don Ottavio, Ferrando und Graf Almaviva singt. Neben Hailey Clark als Rachel und Zoran Todorovich als Eleazar aus dem Eröffnungskonzert konnte ich hier die dritte beeindruckende Stimme für diese Oper hören. Allein schon die Stimmen lohnen den Kauf einer Karte.

Ich war von der Matinee sehr angetan. Hier arbeitet ein engagiertes Team, das ist für mich fast immer ein Garant für eine spannende Inszenierung. Das Team hat sich Gedanken gemacht, wie man den eigentlichen Kern des Werks (sein Wesen) herausarbeiten kann und ich glaube, das wird gelingen. Lydia Steier denkt von der Bühne und vom Publikum her. Schauwert gehört für sie zum Theater und muss zur Ausdeutung des Inhalts dazukommen.

Mit „La Juive“ kommt ein hochinteressantes Stück auf uns zu, das zudem relevant für unsere Gegenwart ist. Dazu können wir uns auf ein hervorragendes Ensemble freuen. Mein Tipp ist, sich schnell Karten zu kaufen und nicht erst die Premierenkritiken abzuwarten. Ich habe bereits Karten, muss aber leider noch einige Wochen meinem Besuch entgegenfiebern. Kommt mir zuvor!

Hans-Joachim Riehn

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