Vorstellung „Tosca“ 03.11.2019

Vorstellung „Tosca“ 03.11.2019

„Tosca“ von Puccini ist ein Repertoirerenner, ein Klassiker, den fast jeder Operngänger schon mehrfach gesehen hat. Man kennt das Stück auswendig und hat seine „eingebrannten“ Erwartungen. Bei Vielen ist es fast wie in der Kindheit, in der man beim Vorlesen eines Märchens keine Abweichung vom gewohnten Text geduldet hat. Wie ist dann die Reaktion auf eine Inszenierung, die das Gewohnte hinterfragt, unterläuft oder sogar auf den Kopf stellt? Zum Abschluss der Premiere hatten sich „Buhs“ und „Bravos“ zur Inszenierung einen Kampf geliefert, auch im Internet finden sich diese Reaktionen wieder. Offenbar gestattet diese Tosca keine Halbheiten. Ich liebe solche Kontroversen, bilde mir immer mein eigenes Urteil – besonders gespannt ging ich also in die Aufführung.

Die gewohnte Handlung ist schnell erzählt.
Erster Akt: Die Sängerin Floria Tosca liebt eifersüchtig Mario Cavaradossi, einen Maler. Auch Baron Scarpia, der Polizeichef von Rom, bewundert Tosca und will sie um jeden Preis besitzen. Da Cavaradossi Cesare Angelotti, einem Anhänger Napoleons, Unterschlupf gewährt, wird er von Scarpia verhaftet. Scarpia stachelt die Eifersucht Toscas an, um an mehr Informationen zu kommen.
Zweiter Akt: Scarpia lässt Cavaradossi foltern, um Angelottis habhaft zu werden. Tosca muss dies mit anhören. Sie will ihren Geliebten schützen und geht mit Scarpia einen Handel ein. Gegen den Verrat von Angelottis Versteck erhält sie einen Entlassungsschein für Scavaradossi. Als Scarpia sie vergewaltigen will ersticht sie ihn.
Dritter Akt: Scarpia hatte Tosca eine Hinrichtung Cavaradossis zum Schein vor der geplanten Flucht versprochen. Aber dies war eine Lüge, die Hinrichtung ist echt. Tosca stürzt sich daraufhin von der Burgmauer in den Tiber.

So weit, so gut, jeder hat das verinnerlicht. Zwei Männer kämpfen in einem Reißer um eine Frau, alle sterben, es spielt in einem Polizeistaat. Was fügt der Regisseur Vasily Barkhatov hinzu, um das Stück „neu“ zu machen? Zuerst einmal stellt er Scarpia in den Mittelpunkt, er ist für diese Inszenierung die zentrale Figur. Barkhatov beschäftigt sich dann mit Antworten auf Fragen, die berechtigt sind.

Wie ist es Angelotti gelungen, zu Beginn aus dem Hochsicherheitsgefängnis Engelsburg zu entkommen?
Die Antwort findet sich im Theaterstück, das als Vorlage für das Libretto gedient hat. Die Flucht von Angelotti hat Scarpia um den Preis einer Nacht mit Angelottis Schwester ermöglicht. Im Libretto selbst findet sich nur eine Andeutung – Angelotti sagt, dass seine Schwester alles dafür gewagt hat, ihn Scarpia zu entreißen. Barkhatov übernimmt das in sein Konzept.

Wie ist Scarpia zu dem geworden, der er ist?
Die Annahme ist, das Scarpia – hier Kleriker statt Polizeichef – als Kind missbraucht wurde. Er versucht nun, sein Trauma zu verarbeiten. Er richtet seine innere Wut gegen die Welt und ist zum Psychopathen geworden. Im Libretto ist dieses Verhalten abgebildet, die Musik spiegelt es wieder. Barkhatov hat nur die Ursache dafür hinzugefügt.

Was treibt Scarpia an?
Die Antwort ist, dass Scarpia die Sängern Tosca als Künstlerin verehrt und von ihr besessen ist. Er begehrt sie fast zwanghaft. Das macht Cavaradossi zum Rivalen, den aus auszuschalten gilt. Die Verwicklung in die Flucht Angelottis bietet dazu einen guten Anlass. Auch dies lässt sich problemlos aus dem Libretto ableiten.

Was will Scarpia erreichen?
Die Annahme ist, dass Scarpia die von ihm abgöttisch verehrte Tosca dazu bringen will, seinem Leben und damit seinem Trauma ein Ende zu setzen. Dazu benutzt er die anderen Figuren des Stücks als Handlanger und macht sie zu Opfern. Im Libretto findet sich das nicht, es ist aber als psychologischer Hintergrund zumindest nicht völlig abwegig.

Da das alles recht komplex ist, werde ich mich im Folgenden an der Handlung entlanghangeln.

Der erste Akt beginnt mit einer Einleitung. Wir sehen Scarpia in seinem Büro, dabei sind Angelotti und dessen Schwester, die Marchesa Attavanti (eine stumme Rolle). Der wie in einem Stummfilm dazu eingeblendete Text (leider nicht sehr gut zu lesen) informiert uns darüber, dass die Flucht Angelottis ein abgekartetes Spiel ist, um Scarpia eine Liebesnacht mit dessen Schwester zu ermöglichen. Scarpia ist ein Mann der Kirche, dies verstärkt die Perversität dieses Vorgangs noch – der Kontrast ist erheblich höher als bei einem zivilen Polizeichef.

Scarpias Wohnung erstreckt sich über die ganze Breite der Wohnung, links ein kleines Nebenzimmer, rechts das geräumige Büro. Diese Wohnung wird nun in die Höhe gezogen, die Oper beginnt. Es öffnet sich eine Art Kirchenraum in neutralem Grau. Dieses Bühnenbild ist beeindruckend, großartig und eine technische Meisterleistung.

Cavaradossi arbeitet an einer Weihnachtskrippe, während im Hintergrund die Vorbereitungen für ein Weihnachtssingen, das spätere Te Deum, laufen. Das Libretto siedelt die Handlung im Sommer an, Weihnachten kommt nicht vor, Cavaradossi ist normalerweise Maler. Die Inszenierung wählt vielleicht deshalb Weihnachten als Handlungsanker, weil das Fest der Liebe den größtmöglichen Kontrast zur blutrünstigen Handlung bietet. Weihnachten ermöglicht auch eine gewisse Buntheit und Festlichkeit im Bühnenbild. Die Krippe mit ihrem ultramarinblauen Himmelsrund und den Sternen bildet das farbliche Zentrum im sonst grauen, eher bedrückenden Kirchenraum.

Die Handlung geht nun wie gewohnt dramatisch voran. Angelotti flüchtet in die Kirche, während sich oben im Büro seine Schwester langsam entkleidet. Der Mesner tritt auf, der einen Chorknaben dabei hat. Der Missbrauchshintergrund wird im Umgang des Mesners mit diesem Chorknaben angedeutet. Es ist ein Anfassen, ein schmieriges Streicheln, es reicht, um die Situation klarzumachen.

Cavaradossi hilft Angelotti bei der Flucht. Tosca kommt hinzu und wird wegen des geheimnisvollen Tuns eifersüchtig. Tosca ist hier eine fast kühle Frau, eine professionelle Künstlerin. Ihre einzige Schwachstelle ist die Liebe zu Cavaradossi. Die Szene endet romantisch, in der Krippe, die wie ein schützender Raum ist. Sogar die Sterne können angeschaltet werden, die Krippe ist Show, Cavaradossi ist kein echter Künstler.

Der durch den Kinderchor auftretende Scarpia entzieht dem Mesner angewidert seine Hand, ganz dezent wird so angedeutet, dass er früher ebenfalls Opfer war. Scarpia ist ein Mann der Kirche, vielleicht soll dies auch eine Brücke schlagen zur aktuellen Missbrauchsdiskussion in den Kirchen.

Scarpia kommt bei den Vorbereitungen zum Te Deum dem Geschehen um Angelotti auf die Spur und sieht so eine Handhabe, sich Toscas zu bemächtigen. Die Stimmung in diesem grauen Kirchenraum ist bedrückend trotz der Festlichkeiten – überall sind Spitzel von Scarpia postiert, Männer in grauen und schwarzen Anzügen.

Zum Finale des Aktes wird die Wohnung wieder heruntergelassen und wir sehen, wie Scarpia inbrünstig in seinen Tosca-Devotionalien schwelgt und dazu sein Anti-TeDeum singt. Er ist besessen von Tosca, er ist gleichzeitig aber auch ein Opfer, ein Verletzter. Seth Carico spielt und singt das sehr ausdrucksstark und einfühlsam.

Zu Beginn des zweiten Aktes sehen wir Scarpia und Cavaradossi zusammen mit Angelotti und der geschändeten Marchesa in Scarpias Büro. Scarpia erpresst alle dazu, bei seiner Intrige mitzumachen, dies wird dem Zuschauer wieder durch Texteinblendungen verdeutlicht. Die Folterung Cavaradossis im Nebenzimmer ist inszeniert, Tosca kann dies nicht ertragen und verrät Angelottis Versteck. Sie verrät damit auch Cavaradossi. Im Triumph lässt Scarpia seinen Rivalen verhaften und zum Tode verurteilen. Scarpia stellt Tosca vor die Wahl: das Leben Cavaradossis gegen sexuelle Hingabe. Tosca willigt voller Verzweiflung ein.

Tosca singt nun ihr „Vissi de Arte“. Scarpia gerät fast in Verzückung über so viel Gefühl, das er aus dieser sonst so kühlen, beherrschten Frau herausgelockt hat. Seth Carico spielt das so überzeugend, dass man meint, einem echten Psychopathen bei einem Spiel zuzuschauen. Liene Kinca singt die Arie präzise, mit sicheren hohen Tönen, mit viel Gefühl. Sie ersticht Scarpia, als dieser sich ihr nähern will. Solche fast an einen Liebesakt gemahnenden Morde kenne ich aus Filmen von Alfred Hitchcock. Ich musste sofort an die Mordszene aus „Sabotage“ denken.

Mit den gewählten ungewohnten Antworten funktionierte die Inszenierung in den ersten zwei Akten und gewährte neue Blickwinkel. Der dritten Akt hätte jetzt wie gewohnt ablaufen können. Die konventionelle Handlung fügt sich bruchlos in das neue Konzept ein. Aber Vasily Barkhatov setzt noch einen drauf und findet auch hier eine neue Deutungsebene.

Scarpia hat Tosca in seinem Ranzen eine DVD mitgegeben, die sie sich nun ansieht. Zur Musik des römischen Morgens mit seinen Glockenklängen und dem Hirtengesang sieht Tosca die Beichte Scarpias (eingeblendete Texte) und bekommt Aufklärung über den Missbrauch und Scarpias böses Spiel. Das Lied des Hirtenknaben – der junge Scarpia – wird von einem der Chorknaben gesungen, während der Mesner sich ihm nähert. Diese hochromantische Musik bekommt vor diesem Hintergrund eine tragische Dimension.

Der dritte Akt geht nun weiter als eine Art Halluzination. Tosca entdeckt im Nebenraum, wie Scarpia sie verehrt hat. Dort geht das Licht aus, im Büro geht es an. Wir sind wieder bei der Szene zu Beginn des zweiten Aktes, wir blenden in sie hinein. Scarpia hat alle erpresst, Cavaradossi singt nun seine große Arie „E lucevan le stelle“ – es ist seine Erkenntnis, dass er Tosca verloren hat. Wie so häufig bisher gelingt es durch kleine Tricks, den Text passend zur neuen Handlung umzudeuten. Bisher hatten Textzeilen durch ironische Körpersprache eine andere Bedeutung bekommen oder dadurch, dass sie zu einer anderen Person als gewohnt gesagt wurden. Nun werden die Worte des Schließers von Scarpia gesungen und so für diese Szene passend gemacht.

Der folgende Dialog zwischen Tosca und Cavaradossi ist dann offenbar ein Traumbild, Tosca halluziniert an der Leiche von Scarpia (der sich in Cavaradossi verwandelt hat). Die Hinrichtung findet nur durch die Erzählung Toscas statt, an der zugedeckten Leiche. Am Ende liegt dort statt des toten Cavaradossi wieder Scarpia und Tosca umarmt ihn. Er ist tot und Toscas Leben ist am Ende. Sie ist mit dem zusammen, der sie vielleicht wirklich geliebt hat. Kein Selbstmord. Die Wohnung wird nach oben gezogen, der leere Kirchenraum taucht auf, die Krippe leuchtet, Cavaradossi ist allein. Er hat sein Leben seiner Liebe vorgezogen.

Valery Barkhatov hat Ansätze gefunden, der Geschichte einen plausiblen und bewegenden Hintergrund zu geben. Es passt auch zum Libretto, Diskrepanzen im Text können immer dadurch erklärt werden, dass eine Person gerade lügt oder vollkommen in ihrer Intrige gefangen ist. Immer ist zu spüren, dass es die nicht zu befriedigende Sehnsucht nach der perfekten Liebe ist, die hinter allem steht.

Im dritten Akt hat der Regisseur dann ein bisschen überdreht und ich musste mich konzentrieren, dem roten Faden zu folgen. Ich bin nicht völlig sicher, ob ich mit meiner geschilderten Sicht richtig liege. Aber ich bewundere den Mut zum Risiko, den der Regisseur hier insgesamt gezeigt hat. Er hat sich mit der Oper ernsthaft auseinandergesetzt. Das ist spannender, als das ewig Gleiche zu wiederholen. Nachdenken schadet nicht – und Spaß hat es auch gemacht.

Als Opernbesucher „interpretiere“ ich eine Inszenierung und versuche, meinen Weg durch sie zu finden. Hier bleiben einige Fragen offen, bei denen mir auch die Texte des Programmhefts nicht helfen. Warum dieser dritte Akt als Traumgebilde? Warum Weihnachten? Warum ist Cavaradossi kein Maler mehr? Warum hat Scarpia weiße Haare? Warum ist Scarpia Kleriker? Das ist genügend Diskussionsstoff für mehrere Gesprächsrunden! Ein paar Vermutungen habe ich ja schon in den Text einfließen lassen.

Das beeindruckende Bühnenbild von Zinovy Margolin unterstützt das Regiekonzept sehr gut. Man kann durch die parallelen Handlungsräume quasi sehen, was die Personen gerade denken.

Die Kostüme von Olga Shaishmelashvili passen in ihrer unaufgeregten Schlichtheit und auch Eleganz perfekt dazu. Sie unterstützen die Atmosphäre der Zeitlosigkeit, die für diese Inszenierung kennzeichnend ist.

Am Pult stand diesmal Eduardo Strausser statt Kevin John Edusei, der die Premiere dirigiert hatte. Mit dem perfekt und hochemotional spielenden Orchester schaffte er es, dem Geschehen ein berührendes Fundament zu geben. Es gelangen beeindruckende Momente, so die Glockenszene zu Beginn des dritten Aktes oder das abgrundtief traurige Quartett der vier Celli kurz vor Cavaradossis großer Arie. Auch Chor und Kinderchor zeigten sich in ihrem Auftritt sehr stimmungsvoll, ausdrucksstark und spielfreudig.

Für eine solch komplexe Inszenierung sind nicht nur erstklassige Stimmen, sondern auch Schauspieler gefragt. Besonders hervorzuheben ist hier Seth Carico, der den Scarpia mit einer anrührenden Verletzlichkeit spielte. Hier wird kein sonst üblicher überzeichneter Bösewicht gezeigt, sondern ein Mensch, der selbst Opfer ist. Dazu passt die eher helle Stimmfärbung, die nicht abgrundtief dunkel ist. Es ist ein anderer Scarpia als gewohnt. Mich überzeugte Seth Carico mit seinem Gesang und seiner Deutung auf ganzer Linie.

Liene Kinca begann im ersten Akt inszenierungsbedingt als eher kühle Tosca, steigerte sich aber dann in wahre Gefühlsausbrüche hinein. Ihre klangschöne Stimme bewältigte die dramatischen und die zarten Stellen der Rolle hervorragend.

Rodrigo Porras Garulo begeisterte als Cavaradossi mit seinem klangschönen Tenor. Die lyrischen Passagen waren wirklich lyrisch schön, die Höhen kraftvoll. Gut gefiel mir, wie jugendlich seine Stimme klingt. Zu diesem Rollenkonzept hätte kein ältlich klingender Tenor gepasst.

Auch alle weiteren Figuren waren gut besetzt und überzeugten. Richard Walshe war ein ausdrucksvoller Angelotti, Frank Schneiders ein beeindruckender, schmieriger Mesner. Auch die kleineren Partien (Spoletta Uwe Gottswinter, Sciarrone Nils Sandberg, Hirtenknabe Ben Walz) gefielen. Leonie Jannack in der stummen Rolle der Attavanti gab dieser Frau etwas anrührend Verletzliches.

Es war ein eindrucksvoller Opernabend mit viel Stoff zum Diskutieren. Über das Konzept kann man streiten. Es ist aber gut, dass man über ein Stück wie Tosca endlich mal wieder streiten kann. Man denkt zu selten über den Kern von Dingen nach, die man zu gut kennt. Es ist eine Inszenierung, die man gesehen haben sollte.

Hans-Joachim Riehn

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Vorstellung „Tosca“ 03.11.2019

Beste Neuinszenierung der Spielzeit 2018/19

Die Operettenproduktion „König Karotte“ erhält den GFO-Wanderpreis.

Wie in jedem Jahr haben die Opernfreundinnen und Opernfreunde auch in diesem Herbst wieder auf eine spannende und vor allem abwechslungsreiche Opernsaison zurückgeblickt und darüber abgestimmt, welche Produktion die Beste der Neuinszenierungen der Spielzeit 2018/19 gewesen ist.

Mit 32,4 Prozent der Stimmen haben die GFO-Mitglieder die witzige, bissige und brisante Interpretation von Jacques Offenbachs Operette „König Karotte“ für den GFO-Wanderpreis ausgewählt, die wir in der vergangenen Spielzeit als deutsche Erstaufführung erleben durften und die vom BR-KLASSIK mit dem Operettenfrosch November 2018 ausgezeichnet wurde.

Die GFO gratuliert allen Beteiligten herzlich zu dieser phantastischen Leistung, die wahrhaft begeistert und bestens unterhält.

(Foto und Copyright: Jörg Landsberg)

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Beste Neuinszenierung der Spielzeit 2018/19

2. Sinfoniekonzert „Monument“ 27.10.2019

2. Sinfoniekonzert „Monument“ 27.10.2019

Wer ein Abo hat, der kennt das: Es stehen auch mal Stücke und Komponisten auf der Liste, die man persönlich nicht zu seinen Lieblingen zählt. Mir geht das mit Bruckner so, dem ich mit dem Vorurteil „massiv, monumental, monochrom“ gegenübertrete. Bisher ist es seiner Musik noch nicht gelungen, bei mir wahre Faszination auszulösen. Nichtsdestotrotz höre ich mir auch so ein Konzert gern an. Vielleicht springt diesmal der Funke über. Oder ich verstehe danach besser, warum diese Musik nicht zu meinen Favoriten gehört.

Die achte Sinfonie von Anton Bruckner ist die längste Sinfonie, die Bruckner geschrieben hat. Sie erscheint maßlos und extrem, sowohl in den Anforderungen an die Ausführenden als auch an die Zuhörenden. Sie ist wahrlich ein Monument. Constantin Trinks, der schon mit „La Juive“ begeistert hatte, leitete das Niedersächsische Staatsorchester. Er ist ein erfahrener Wagner-Dirigent, als Opern- und Konzertdirigent ist er weltweit gefragt. Das Orchester selbst hat eine lange Bruckner-Tradition. Diese Kombination versprach mir auf jeden Fall neue Einsichten. Diese neunzig Minuten müssen gemeinsam von Dirigent und Orchester gestaltet werden. Bruckner selbst hat in der Partitur nur wenige Hinweise gegeben (so die Orchesterdramaturgin Swantje Köhnecke in der Einführung). Das Konzert war gut besucht, offenbar waren viele Menschen gespannt auf diese Erfahrung.

Über Musik kann ich immer nur in Bildern und Assoziationen sprechen, so ist es auch hier. Leise beginnt der erste Satz, wie aus der Tiefe. Ein Vorhang wird aufgezogen und gibt den Blick frei. Dann wird die Musik heftiger, es ist ein Gefühl der Beklemmung spürbar. Wir blicken hinein in eine Seele in Not. Das Geschehen beruhigt sich schließlich, der Tonfall wird beschwichtigend und fast idyllisch. Nach diesem Auftakt wechseln sich heftige und ruhige Abschnitte ab. Der Satz sucht nach Erlösung, findet sie aber nicht.

Dirigent und Orchester arbeiteten dies großartig heraus. Die Kontraste zwischen den fast harschen Trompetenfanfaren und den ganz zarten Passagen wurden so fast körperlich spürbar.

Der Schluss dieses Satzes ist dann ganz leise. Die Musik fällt zusammen in Erschöpfung, sie verklingt, läuft aus, stirbt ab. Es ist kein Ende in Triumph, es ist ein Ende in Einsamkeit. Bruckner zugeschrieben wird dazu die Aussage, dies klänge so, als ob man im Sterben liegt und gegenüber hängt eine Uhr, die dabei immer gleichmäßig weiter schlägt. Auch dieses trostlose Verdämmern gestalteten die Musiker so, dass es ans Herz ging.

Licht leuchtet endlich herein im zweiten Satz. Die Musik tanzt um sich selbst, mit sich selbst. Kraftvoll und lebendig sind die Höhepunkte, fast auftrumpfend. Die Mitte des Satzes ist dann eine riesige, idyllische Insel voll mit träumerischen Klängen, bevor der tänzerische Teil wieder einsetzt. Blechbläser schallen wie von fern herein, Harfen erklingen. Die Schlusssteigerung reißt dann noch einmal den Himmel auf und lässt gleißendes Licht herein.

Dirigent und Orchester ließen in den tänzerischen Passagen die Musik vor Lebensfreude sprühen, was wunderbar mit den ruhevoll idyllischen Teilen harmonierte.

In starkem Kontrast dazu beginnt der dritte Satz ganz ruhig. Die Stimmung erinnert zu Beginn fast an die stillen, klagenden Sätze in den Sinfonien von Schostakowitsch. Ist das eine Trauermusik? Tröstende Einsprengsel ertönen, Harfengesang – es ist wie Licht, das auf den Sarg fällt. Dramatik und Ruhe wechseln sich ab, wir werden in einen Dialog der Stimmungen hineingezogen. Dann folgt doch noch ein fast leuchtender Aufschwung, ein Aufschrei – aber der Satz verdämmert, klingt aus. Stehen wir am nun geschlossenen Grab? Es ist, als ob die Musik sich langsam von uns entfernt und uns allein lässt mit unseren Gefühlen.

Dreißig Minuten dauert dieses Adagio, dieser Trauergesang. Es ist schwer, die Spannung zu halten. Aber den Musikern gelang dies, ich folgte der Musik fast atemlos gespannt. Man bemerkt dies vielleicht auch an den vielfältigen Assoziationen, die ich gehabt habe.

Ein energisch auftrumpfender Beginn leitet im vierten Satz über in vorwärtsstürmende Musik, die den Himmel erklimmen will. Verschiedene Stimmungen stehen in diesem Satz nebeneinander – suchend-gehend, sinnierend-ruhig, auftrumpfend-energisch. Die Musik schwankt zwischen diesen Gefühlen, ohne sich zu entscheiden. Zum Schluss ringt sich die Sinfonie durch zu einem C-Dur-Triumph und -Jubel, in dem alle Themenzellen übereinandergeschichtet werden. Petrus öffnet für uns die Pforten zum Himmelreich, das ist meine Assoziation.

Die dreißig Minuten dieses Satzes sind vielleicht am schwersten zu gestalten. Schroff stehen die Stimmungen gegeneinander, abrupt versanden die Aufschwünge. Es ist herausfordernd, hier die Spannung zu halten. Aber auch hier gelang dies wunderbar.

Der beste Beweis für die gelungene Aufführung ist vielleicht, dass im Publikum fast absolute Stille herrschte, Husten und Räuspern beschränkte sich auf die Satzpausen. Es gab verdienten großen Beifall. Es fällt schwer, Personen im Orchester hervorzuheben, es agierte zusammen mit Constantin Trinks als perfekte Einheit. Alle Soli gelangen großartig.

Über vier Sätze und neunzig Minuten spannte sich ein großer musikalischer Bogen. Dirigent und Orchester ließen einen Raum entstehen, in dem die Zeit stillzustehen schien. Diese Sinfonie wurde so zu einer riesigen Meditation über das Hier und das Jenseits.

Nach diesem Konzert musste ich draußen zwischen all den Lichtern an Musik denken, die ich vor einigen Wochen entdeckt habe, die 5. Sinfonie von Heinz Winbeck. Der Komponist schrieb seine Sinfonie, als er sich intensiv mit Bruckners Skizzen zum fehlenden Schlusssatz der 9. Sinfonie beschäftigte. Es war, als ob man durch dunkles Eis in eine unendliche Tiefe blickt, aus der Bruckners Musik heraufleuchtet. Dieser Satz zu Winbecks Musik drückt auch aus, was ich nach diesem Konzert des Niedersächsischen Staatsorchesters empfunden habe. In der achten Sinfonie schaut man hinter den Vorhang, hinter die pompöse Fassade, hinein ins Innere. Ein Blick in eine lichtschimmernde Tiefe, in der ein Geheimnis verborgen ist. Bruckner kann faszinierend sein!

Hans-Joachim Riehn

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für 2. Sinfoniekonzert „Monument“ 27.10.2019

Einführungsmatinee „Tosca“ am 06.10.2019

Einführungsmatinee „Tosca“ am 06.10.2019

„Tosca“ von Puccini, ein Renner im Repertoire, viel gespielt und inszeniert. Kann man hier Neues finden?

Für mich persönlich sind folgende Fragestellungen bei einer Inszenierung wichtig. Bringt die Inszenierung frische Ideen? Arbeitet die Inszenierung den Wesenskern der Geschichte heraus? Brennen die Inszenierenden für das, was sie tun?

Einführungsmatineen sind für mich aufschlussreich, weil man genau auf diese Dinge achten kann. Ein „Nein“ auf eine meiner Fragestellungen lässt dann eine altbacken-biedere, eine Regietheater-Themaverfehlung oder eine uninspirierte Aufführung (oder gar alles zusammen) erwarten.

Als Gäste begrüßte die Chefdramaturgin Regine Palmai zu dieser gut besuchten Veranstaltung Kevin John Edusei (Dirigent), Liene Kinca (Tosca), Seth Carico (Scarpia) und am Klavier Carlos Vázquez. Der Regisseur Vasily Barkhatov war leider verhindert, offenbar hatte es auf der Bahnstrecke Berlin – Hannover Probleme gegeben. Der zentrale Adressat für meine drei Fragestellungen war also nicht dabei – es gab aber doch genügend aufschlussreiche Informationen.

Die drei Gäste erzählten zuerst davon, wie die letzten Wochen vor einer Premiere so ablaufen, wie man sich fit und in der richtigen Spannung hält. Alle sind „wie in einem Tunnel“, wie es Kevin John Edusei ausdrückte. Als Zuhörer bekam man einen guten Einblick in die Abläufe an einem Opernhaus mit den teilweise großen organisatorischen Anforderungen. Beide Sänger erzählten, dass sie immer möglichst spät vor einer Vorstellung ins Opernhaus kommen, um sich nicht von der allgemeinen Aufgeregtheit anstecken zu lassen. In den letzten zehn Minuten hört Seth Carico Hiphop-Musik. In meinem Kopf blitzte kurz die Vorstellung auf, wie Scarpia in seinen einsamen Mußestunden diese Art von Musik hört… aber das wäre ein sehr modernes Regiekonzept.

Nach dieser kurzweiligen Einleitung näherte man sich dann dem Kern der Sache. Regine Palmai gab eine kurze Einführung in Entstehung und Hintergrund der Oper. „Tosca“ wurde 1900 uraufgeführt und zählte schnell (und bis heute) zu den meist gespielten Opern der Welt. Puccini wollte als Gegensatz zur „Boheme“ eine ganz dunkle, finstere Story haben. Er war begeistert von der Darstellung der Tosca durch Sarah Bernhardt im Theaterstück „La Tosca“ von Victorien Sardou. Puccini hatte kein Wort verstanden, war aber durch die Geschichte – ein Mord auf offener Bühne durch eine bedrängte Frau – sofort gefangen. Sein Anliegen war es dann, auch musikalisch diese Verbindung von Realität und Fiktion zu schaffen.

Kevin John Edusei ging zuerst auf Besonderheiten der Musik ein. Die Orchesterbesetzung ist sehr reichhaltig, in allen Orchestergruppen gibt es Extrafarben (z. B. Piccoloflöte, Englischhorn). Es gibt viele Klanggeflechte, welche die Handlung verorten. Authentizität dieser Art war für Puccini sehr wichtig. Für die Kirchenszene des ersten Akts hat er sich z. B. sehr genau über die liturgischen Abläufe informiert. Der dritte Akt beginnt in Rom auf der Engelsburg, mit Blick auf den Petersdom. Die Glocken des Doms sind in die Melodie des Orchesters verwoben, eine „unbelastete Morgenatmosphäre“ wird so erzeugt. Carlos Vázquez spielte die entsprechende Stelle auf dem Klavier vor. Puccini hatte sich die Glocken und ihre Stimmungen genau erklären lassen. Sie erklingen verteilt auf verschiedene Richtungen von der Hinterbühne (Regieanweisung: „in der Ferne“). Dies wird oft durch eine aufgezeichnete Einspielung gelöst. Die hochengagierte Schlagzeugtruppe des Orchesters wollte dies aber unbedingt live und mit echten Glocken spielen. Als der Dirigent in Südspanien im Urlaub war, hatte er dazu von den Schlagzeugern sogar eine dringliche Mail erhalten. Für mich zeigt diese kleine Anekdote die hohe Professionalität unseres Orchesters.

„Tosca“ ist ein Stück mit dem für die italienische Oper typischen Dreieckszentrum aus Sopran, Tenor und dem Bariton-Bösewicht. Musikalisch geht sie aber über das damals Gewohnte heraus. Scarpias Tod zum Beispiel ist ein auskomponiertes Melodram mit Anklängen an den Stil Schönbergs (den Puccini genau studiert hatte).

Alle wollten nicht zu viel über das Konzept verraten, aber einige aufschlussreiche Andeutungen gab es doch. Seth Carico sagte über seine Rolle, dass die Inszenierung versucht, mehr Facetten von Scarpia aufzudecken. Es wird kein plakativer Bösewicht, es wird versucht, einen Hintergrund für diese Figur zu finden. Es soll keine Entschuldigung für ihn werden, aber es soll eine Erklärung seines Verhaltens sein.

Die komplexeren Biographien aus der Vorlage für die Oper werden den Figuren zurückgegeben (das Libretto ist gekürzt und vereinfacht). Es geht ja nicht nur um Scarpia – auch die Geschichte hinter den anderen Figuren ist wichtig. Es muss zum Beispiel glaubhaft werden, dass Tosca innerhalb kurzer Zeit von einer Liebenden zu einer Mörderin wird. Liene Kinca warf ein, dass es sehr anspruchsvoll ist, die Balance zwischen den verschiedenen Emotionen ihrer Figur zu finden. Aber es sei zweifelsohne eine „Schokoladenpartie“ ihres Faches.

Regine Palmai ging dann dankenswerterweise doch ein bisschen ins Detail. Es ist eine Herausforderung, ein solches Repertoirestück neu zu denken. Puccini will sein Publikum schockieren – aber das reicht heutzutage nicht mehr als Ansatz. Interessant heute ist die Frage, wie es dazu gekommen ist, dass die Personen so geworden sind wie sie sind. Antworten auf diese Frage finden sich auch im gewählten Bühnenbild. Die Oper spielt in Rom, das wird aufgenommen (z. B. durch das Colosseum). Es wird aber auch das Innere der Figuren gespiegelt. Beim Tedeum läuft unten der Gottesdienst ab, oben sieht man Scarpia in seinem Wohnzimmer. „Man sieht in der Inszenierung, was Scarpia denkt.“ Kevin John Edusei ist von dem „sehr opulenten Bühnenbild“ sichtlich begeistert. Morgen wird es zum ersten Mal vollständig aufgebaut – alle sind gespannt, ob es wie geplant funktioniert.

Scarpia ist die geheime Hauptfigur der Oper. Nicht zuletzt deswegen lässt Puccini das Stück mit seinem Leitmotiv beginnen und auch enden (Carlos Vázquez spielte es in seinen verschiedenen Facetten vor). Für diese Rolle braucht man einen großartigen Sänger UND Schauspieler. Seth Carico demonstrierte dies mit dem Beginn des zweiten Aktes „Tosca e un buon falco“. Er hat eine beeindruckende Stimme mit dämonischer Strahlkraft, es ist fast angsteinflößend. Hier kann man sich sehr auf sein Debüt in dieser Rolle freuen. Für Kevin John Edusei stand dann als Schlusswort fest, dass es dem Regisseur gelingt, die ganzen Ebenen in Scarpia offenzulegen. Für den Regisseur ist Scarpia die zentrale Figur, das düstere Herz der Oper.

Sind meine drei Fragestellungen damit beantwortet? Ich glaube ja. Meine Vermutung ist, dass wir ein ausgefeiltes Seelendrama sehen werden in einem spektakulären Bühnenbild, welches das Innere der Figuren spiegelt. Feuer brennt in den Beteiligten. Und das alles zusammen ist ja genau das, was Oper interessant macht.

Hans-Joachim Riehn

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Einführungsmatinee „Tosca“ am 06.10.2019

Vorstellung „La Juive“ am 03.10.2019

Vorstellung „La Juive“ am 03.10.2019

Die erste Premiere der neuen Intendanz, durchgängig gute Kritiken, Bravos bei der Premiere – die Vorfreude war bei mir groß. Auch der Dauerregen konnte daran nichts ändern. Meine Erwartungen wurden noch übertroffen – es wurde ein großartiger und bewegender Abend.

„La Juive“ von Fromental Halevy ist eine opulente „Grand Opera“ auf ein Libretto von Eugene Scribe. Sie wurde 1835 uraufgeführt und war eine der erfolgreichsten Opern des neunzehnten Jahrhunderts, bevor sie dann wohl wegen des jüdischer Komponisten und des jüdischen Stoffs von der Bühne verschwand. Erst in den letzten zwanzig Jahren begann die Wiederentdeckung. Da die Oper recht unbekannt ist, werde ich im Folgenden einen Handlungsabriss mit einfließen lassen.

Grundthema der Oper ist die Auseinandersetzung zwischen Mehrheit und Minderheit, dargestellt am Beispiel des Konflikts zwischen Juden und Christen während des Konstanzer Kirchenkonzils von 1414. Es geht um Toleranz und Intoleranz und wie man damit umgeht, ein auch in der heutigen Zeit zentrales Thema.

Die Inszenierung diskutiert diese Grenzen von Entgegenkommen und Offenheit in unruhigen Zeiten auf bestürzende Art und Weise. Das Jahr 1414 ist weit weg, eine sehr historische Aufführung könnte der Aktualität einfach ausweichen. Der Regisseurin Lydia Steier gelang es aber sehr gut, die Konflikte ohne Oberflächlichkeit in unsere Zeit zu holen. Jeder der Akte spielt in einer anderen Zeit, beginnend mit dem Amerika der 1950er Jahre, endend im fünften Akt zur Zeit der Handlung. Wir schauen so durch die Zeiten zurück auf den Ursprung unserer Vorurteile und unserer Intoleranz. Die Vergangenheit hält uns einen Spiegel vor und zeigt uns so unsere hässliche, immer gleiche Fratze.

Diese desillusionierende Botschaft wird nun nicht als karges Lehrstück exerziert, sie drängt sich auch nicht in den Vordergrund. Lydia Steier lässt auch Komik zu und zeigt uns den Stoff im ausladenden, überbordenden Rahmen einer großen Oper. Die Kostümabteilung hat die Visionen von Alfred Mayerhofer grandios umgesetzt. Über 600 verschiedene Kostüme, prachtvolle Ausstattung – zur Botschaft kommt ein umwerfender Schauwert. Man sieht immer neue Kostüme, lässt sich mitreißen – und sieht die Katastrophe gleichzeitig immer näher rücken und den Hass eskalieren. Ein alle Sinne ansprechendes Spektakel transportiert eine harte Wahrheit. Eine Bemerkung von Lydia Steier aus dem Programmheft fasst das wunderbar zusammen: „Ich liebe diese süße Verführung in Richtung Hölle. Es ist, als wäre das Tor zur Hölle aus Marzipan gemacht.“

Das Bühnenbild von Momme Friedrichs trägt viel zur Wirkung bei. Es wird von einer grauen Wand beherrscht, die auch visuell eine Klammer für diese Zeitreise bildet. Aus ihr werden Tribünen, ja selbst ganze Häuser herausgefahren, Fenster öffnen sich. Dezente Videoprojektionen machen diesen Hintergrund zusätzlich lebendig.

Der erste Akt beginnt ganz einfach, fast nebensächlich, ohne die (gestrichene) Ouvertüre. Zwei kleine Jungen streiten sich am Rande eines bonbonbunten Volksfestes in den 1950er Jahren in den USA. Der eine Junge schlägt immer wieder den anderen, der eine Kippa trägt, der Jude ist. Diese Jungen werden in allen Akten wieder auftauchen, als stumme Zeitzeugen bilden sie die Klammer über die Zeiten hinweg.

Es ist ein christlicher Feiertag, trotzdem arbeitet der Goldschmied Eleazar (Zoran To­dorovich) in seiner Werkstatt. Mit seiner Tochter Rachel (Barno Ismatullaeva) wird er deshalb vom Bürgermeister (Pavel Chervinsky) als Ketzer zum Tode verurteilt. Mit Hass beginnt so die Oper. Hier taucht schon der einem Vogelbauer ähnliche Käfig auf, in dem am Schluss der Oper die Hinrichtung vollzogen wird.

Kardinal Brogni (Shavleg Armasi) begnadigt Rachel und Eleazar. Sein Auftritt ist eine Inszenierung der Mildtätigkeit, aus der Mauer heraus, umgeben von projizierten niedlichen Putten und Gloriolen. Eleazar hasst den Kardinal, der vor langer Zeit seine Söhne auf den Scheiterhaufen gebracht hatte.

Später am Tag schleicht sich Prinz Leopold (Matthew Newlin) zum Haus des Goldschmieds. Er hat eine Liebschaft mit Rachel, gibt aber vor, ein Jude zu sein. Leopold ist hier ein Sonnyboy, ein Weiberheld, ein Elvisverschnitt mit Tolle und Kippa. Er fährt in einem Cadillac-Cabrio vor und singt für Rachel zur Gitarrenbegleitung (so von Halevy komponiert) ein Ständchen. Matthew Newlin singt diese Serenade „Loin de son amie vivre sans plaisirs“ sehr innig und klangschön.

Eine Siegesparade später erweist sich dann später als düsterer Karneval, Wagen mit Folterszenen und Micky Maus als Folterknecht ziehen vorbei. Erneut hetzt der Bürgermeister gegen Eleazar und Rachel, das Volk verlangt ihren Tod. Leopold gelingt es, zusammen mit dem Offizier Albert (Yannick Spanier), das zu verhindern.

Der zweite Akt spielt in der Inszenierung im Deutschland des Jahres 1929. Der Hass zeigt sich immer deutlicher. Ein enger Innenraum fährt aus der Mauer heraus wie eine schützende Wand. Die Juden begehen heimlich das Pessachfest, unter ihnen auch der als ‚Samuel’ verkleidete Leopold. Eleazar singt für die Tischgäste das Gebet „Ô Dieu de nos pères“, Zoran Todorovich singt dies fast schmerzlich innig.

Leopold versteckt sich, als seine Ehefrau, Prinzessin Eudoxie, bei Eleazar ein Schmuckstück kaufen will. Mercedes Arcuri gibt der Prinzessin mit bravourösen Koloraturen ein kapriziöses und doch verletzliches Profil.

Rachel wird durch das merkwürdige Verhalten Leopolds misstrauisch. Ihre Romanze „Il va venir et d’effroi“ wird dann zu einem ersten Höhepunkt, atemberaubend gesungen. ‚Samuel‘ gesteht Rachel, dass er Christ ist, sie planen die gemeinsame Flucht. Eleazar ertappt sie, ist jedoch dann bereit, seinen Segen zu geben. Aber Leopold verweigert die Hochzeit (er ist ja schon verheiratet) und Eleazar verflucht ihn. Ein schicksalhafter Ablauf wird so in Gang gesetzt, der am Ende für alle im Schrecken endet. Das Schlussterzett ist fast beängstigend emotional. Insbesondere Barno Ismatullaeva singt mit einer flammenden Intensität, die unter die Haut geht.

Ernste, dramatische und komische Stellen wechseln in diesem fast intimen Akt. Hier ist man der Moral der Geschichte ganz nah. Gruppen von Menschen definieren sich in Abgrenzung gegenüber einem vermeintlichen Feind. Die Wohnung ist ein Schutzraum, in dem versucht wird, Frieden zu finden.

Der dritte Akt spielt im farbenprächtigen Barock, wo sich die Intoleranz hinter Puder und Perücken verbirgt. Rachel ist ihrem Leopold heimlich gefolgt und trifft bei einem Fest auf Prinzessin Eudoxie.

Diese Feierlichkeit ist auch ein Fest für das Auge. Alfred Mayerhofer zeigt die manierierte Künstlichkeit des Adels in Kostümen in fast übertriebenen Pastellfarben. Eine vor Speisen und Früchten überquellende Tafel steigert noch die dekadente Farbenpracht. Aber das Bühnenbild zeigt hier auch den bösartigen Kontrapunkt. Herabhängende Vogelbauerkäfige mit Skeletten dienen zur Beleuchtung und spielen auf den Fall des Juden Joseph Süß Oppenheimer an, der nach einer Intrige zum Tode verurteilt worden war und dessen Leiche sechs Jahre lang in so einem Käfig ausgestellt worden war.

Als Eleazar das Schmuckstück vorbeibringt, fliegt Leopolds falsches Spiel auf. Rachel klagt ihn der Unzucht mit einer Jüdin an und gibt sich selbst als diese zu erkennen. Kardinal Brogni verflucht die Juden und lässt Eleazar, Rachel und Leopold festnehmen. Die höfische Gesellschaft verwandelt sich in eine geifernde Masse, die keinen Halt mehr kennt. Dieses Aktfinale trifft den Zuhörer mit unerhörter Wucht und entlässt erschüttert in die Pause.

Mit dem vierten Akt ist die Inszenierung in Spanien um 1492 angesiedelt. Die Inquisition hat das Land fest in ihrer Hand. Die Inszenierung deutet diese Zeit durch die Kostüme an.

Die Prinzessin fleht Rachel im Gefängnis an, Leopold zu retten. Mercedes Arcuri und Barno Ismatullaeva gestalteten diese Szene zweier liebender Frauen eindrucksvoll und klangstark. Rachel nimmt daraufhin gegenüber Kardinal Brogni alle Schuld auf sich. Den Kardinal ergreift Mitgefühl. Er versucht, Eleazar zum Christentum zu bekehren, um Rachel retten zu können. Eleazar geht nicht darauf ein und verkündet hasserfüllt, dass Brognis totgeglaubte Tochter noch lebt und dass er die mögliche Aufklärung mit ins Grab nehmen wird.

Es fällt Eleazar schwer, Rachel für seine Rache zu opfern. Er fleht Gott um Erleuchtung an. Seine ganze Zerrissenheit wird gezeigt, da er Rachel aufrichtig liebt. Zoran Todorovich sang diese Arie „Rachel, quand du Seigneur la grâce tutélaire“ bewegend, zu Herzen gehend. Für mich war dies der emotionale Höhepunkt des Abends. Im fünften Akt sind wir dann in Konstanz 1414 angekommen, wo das Kirchenkonzil als großes Volksfest gegangen wird. Leopold wurde begnadigt und hat die Stadt verlassen. Das Volk ist voller Vorfreude auf den Tod der Juden. Der Hass hat die Stadt in seiner Gewalt, Gewalt und antisemitische Szenen dienen zur Belustigung.

Dieses Volksfest nimmt in seiner Parade und teilweise in den Kostümen das Fest des ersten Akts wieder auf. Die etwas albernen Mickymaus-Schergen sind wieder dabei. Elemente aus den anderen Akten mischen sich dazu. Der jüdische Junge wird auf der Festtafel des dritten Aktes tot und blutüberströmt hereingeschoben und auf eine Palette gelegt, unter Polizeiaufsicht muss das Volk daran vorbeigehen. Wir blicken dadurch vom Ende zurück in unsere Zeit, nichts hat sich geändert, Intoleranz und Hass sind nur anders angezogen. Dieses Fest und sein Schluss sind die einzigen Momente, die aus meiner Sicht etwas zu plakativ angelegt sind und wo man den erhobenen Zeigefinger zu deutlich sieht.

Brogni fleht Eleazar an, die Wahrheit über seine totgeglaubte Tochter zu sagen. Aber Eleazar ist innerlich so verhärtet, dass er dies verweigert. Rachel lehnt es ab, zum Christentum überzutreten. Sie will als Märtyrerin sterben. Sie wandelt sich so am Ende von der Liebenden zur Fanatikerin. Von den Mickymaus-Schergen geleitet springt sie in einen Glaszylinder mit kochendem Wasser. Im Moment ihres Todes verrät Eleazar, dass Rachel die Tochter des Kardinals ist. Brogni bricht zusammen.

Es ist ein Schluss, der das Herz zum Stocken bringt. Es herrschte dann auch mehrere Sekunden lang atemlose Stille, bevor der begeisterte Beifall mit Bravos und Standing Ovations losbrach.

Für die Darbietungen auf der Bühne und im Orchestergraben gibt es nur das Wort großartig.

Valtteri Rauhalammi leitete präzise und mit viel Gefühl durch die anspruchsvolle Musik mit ihrem Farbenreichtum. Das Niedersächsische Staatsorchester war ihm ein beeindruckender Partner. Riesige, komplexe Ensembles stehen neben Rezitativabschnitten mit ganz wenigen Instrumenten. Nie ist die Instrumentierung dabei übertrieben, sie lässt immer Raum. Halevys Musik erreicht mit einfachen Mitteln eine emotionale Tiefe, die beim Zuhören unmittelbar packt. Das Niedersächsische Staatsorchester spielte das alles feinfühlig, brillant und emotional. Die Musik war immer so durchsichtig, dass sich die Solisten auf der Bühne frei entfalten konnten – eine ganz große Leistung.

Der Chor in der Einstudierung von Lorenzo del Rio agierte dynamisch, präzise, klangschön und ausdrucksstark. Auch darstellerisch war er bravourös.

Die Hauptdarsteller zeigten sich im ersten Akt noch etwas zurückhaltend, aber das gab sich dann sehr schnell. Es wurde gesungen, als ob es kein Morgen mehr gäbe.

Nachdem in den vorherigen Vorstellungen Hailey Clark als Rachel begeisterte, gab heute Barno Ismatullaeva ihr Rollendebüt. Sie besitzt einen kraftvollen, dunkel getönten Sopran – es ist eine Stimme, die das Haus in Flammen setzen kann. Dazu kommt differenziertes Spiel auf der Bühne und Ausstrahlung. Mit nassen Haaren und im Bademantel kam sie zum Applaus auf die Bühne. Es lässt für die Zukunft viel erwarten, wenn ein Opernhaus zwei solcher Rachels in seinem Ensemble hat.

Zoran Todorovich warf sich voller Risikomut in seine schwierige, anspruchsvolle Rolle, füllte sie mit Leben und Klang, zeigte alle Facetten dieses zerrissenen Charakters zwischen Zartheit und Dramatik. So entstand ein Eleazar, der in jeder Sekunde glaubhaft war.

Shavleg Armasi sang und agierte sehr ausdrucksstark und füllte seine Rolle großartig aus. Einige abgrundtiefe Töne waren eine gewisse Herausforderung, in allen anderen Lagen klang seine Stimme völlig mühelos. Mercedes Arcuri sang ihre kapriziöse Rolle mit wie selbstverständlich erscheinenden, halsbrecherischen Koloraturen. Sie erweckte diese flatterhafte und doch liebende Frau zum Leben. Auch Matthew Newlin bewältigte seine mit Höchstschwierigkeiten gespickte Partie mit Mühelosigkeit und klangschöner Stimme. In den kleineren Solopartien gefielen Pavel Chervinsky und Yannick Spanier mit ihren sonoren Bässen.

Ich kann es nicht anders sagen, es war ein ganz großer Opernabend. Die Musik, die Inszenierung und die Darbietenden haben mich voll in ihren Bann gezogen. Eindrucksvolle Bildwelten trafen auf eine ausgefeilte Personenführung, all dies machte die Aufführung zu einem Ereignis. Ich hatte vorher leichte Bedenken, ob der Fall durch die Zeitalter von Akt zu Akt funktionieren würde. Er tat es, weil die Hauptpersonen gleich blieben und weil die Übergänge plausibel erschienen. Zum zweiten Akt zum Beispiel wechselte man in einen intimen Innenraum, das erklärte den Wechsel der Kostüme. Das barocke Fest des dritten Aktes machte dann den Eindruck eines Kostümfestes, auch hier war kein Bruch spürbar.

Besonders virtuos gelangen die Ensembleszenen. Das Volk wurde im Laufe der Akte zu einer fast furchteinflößenden Masse, für die das Auslöschen anderer Menschen zur enthemmten Belustigung wird.

„La Juive“ ist ein bildgewaltiges Spektakel, das seine Botschaft in Geschenkpapier verpackt und daher um so intensiver vermittelt. Keine Sekunde ist langweilig, die Zeit vergeht wie im Flug. Ich ging aus dem Opernhaus heraus, erfüllt von der Musik, bewegt, mitgerissen, zum Nachdenken gebracht. Wie viele alte Bilder haben wir alle im Kopf, die uns nicht vorurteilsfrei auf die Welt schauen lassen?

Das Fazit ist für mich ganz eindeutig: Wer „La Juive“ nicht sieht und hört, der hat etwas Großartiges verpasst. Ich werde mir die Oper noch einmal anschauen, um Musik, Gesang und Inszenierung noch einmal auf mich wirken zu lassen. Es ist mir unerklärlich, dass nicht jede Vorstellung ausverkauft ist.

Hans-Joachim Riehn

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Vorstellung „La Juive“ am 03.10.2019

1. Sinfoniekonzert „Speaking Drums“ 22.09.2019

1. Sinfoniekonzert „Speaking Drums“ 22.09.2019

Auf dieses erste Konzert der Saison war ich besonders gespannt. Das Programm mit Frank Zappa, Peter Eötvös und Dmitri Schostakowitsch war ambitioniert und ungewöhnlich, auch hier zeigt sich der Aufbruch in neue Zeiten, der mit dem Wechsel der Intendanz verbunden ist. Ein Konzert „zwischen Konformität und Kollision“, wie es in der Ankündigung stand. Ein Konzert im klassischen Ablauf „kurzes Instrumentalstück – Solokonzert – Sinfonie“, also ganz konform. Aber Musik von drei Komponisten erklang, die subversiv die Erwartungen eines Konzertpublikums unterläuft.

Das Niedersächsische Staatsorchester spielte diesmal unter der musikalischen Leitung von Kevin John Edusei, der in dieser Saison auch die „Tosca“ dirigieren wird. Der Dirigent ist seit 2014 Chefdirigent der Münchner Symphoniker, er war zudem bis 2019 Chefdirigent am Konzert Theater Bern.

Das Programm begann mit drei kurzen Stücken von Frank Zappa. Diese Musik verbindet Muster der Rockmusik mit klassischen Strukturen und Klangflächen. Die Musik erinnerte mich an Strawinsky, Varese, aber auch an Bernstein und die Musik einer Bigband. Elektronisch verstärkte Instrumente mischen sich in die Klänge eines Sinfonieorchesters, das muss man mögen.

„Dog Breath Variations / Uncle Meat“ ist ein polyrhythmisches, hochkomplexes Gewebe, nah an der Avantgarde. Das zweite Stück „Outrage at Valdez“ kommt als düsteres Largo daher, dominiert von tiefen, bedrohlichen Tönen der Pauke und einem Alphorn, das wie ein Nebelhorn hineinklingt. „G-Spot Tornado“ beschloß diesen Einstieg dann mit einem wilden, fröhlichen Tanz in einem dahinjagenden Rhythmus. Mich hielt es kaum im Sitz. Alle drei Stücke spielte das Orchester absolut präzise und mitreißend. Kein Zweifel, Frank Zappa ist ein hörenswerter Komponist der Moderne.

Das Solokonzert „Speaking Drums“ von Peter Eötvös war in vieler Hinsicht ungewöhnlich. Ein moderner Komponist, ein Schlagzeugkonzert, mit vertonten dadaistischen Gedichten. Der Solist Simone Rubino – er gewann 2014 mit 21 Jahren den ARD-Musikwettbewerb – tobte wie ein Derwisch zwischen den vierzehn Schlaginstrumenten hin und her, ab und zu rhythmisch passend Gedichtsilben rufend oder schreiend. Strukturierte Passagen mischten sich mit Abschnitten, die wie frei improvisiert klangen. Hochvirtuos das alles, eine Mischung aus Performance, Dialog mit dem Orchester und heidnischem Ritual. Ich war mir unklar, ob ich das Stück als Konzert bezeichnen sollte, Musik-Zirkus mit Poesie passte für mich besser. Aber auch ein Zirkus ist gut gemacht und man kann fasziniert zuschauen. Man kann auch „Oh mein Gott“ sagen, aber das wäre eine zu ernsthafte Perspektive. Es hat Spaß gemacht zuzuschauen. Würde man das Stück nur hören, so würde es einen großen Teil seiner Wirkung einbüßen.

In der Einführung sagte Simone Rubino, dass er sich zu dieser Performance beim Einüben eine Geschichte ausgedacht hatte. Quasimodo redet, umschmeichelt sein Schlagwerk, zwei kleine, kichernde Monster mischen sich immer wieder ein. Quasimodo betet seine Prinzessin an, aber es geht nicht gut aus. Diese Geschichte machte für mich das Ganze überraschend verständlich und so fanden auch die leisen, poetischen Passagen der Musik eine emotionale Erklärung für mich. Das Orchester zeigte viel Spielfreude, offenbar hatten sie auch Spaß an diesem Ereignis. Als Zugabe spielte Simone Rubino ein Stück von Piazzolla auf der Marimba, wunderbar melancholisch. Absolute Stille im Publikum, dann fast noch mehr Beifall als vorher.

Nach der Pause ging es dann vermeintlich konventioneller weiter mit der 5. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch. Hier war ich besonders gespannt, ich mag diese Komposition sehr. Der Komponist war wegen sogenannter modernistischer Tendenzen in Ungnade gefallen und musste unter dem Stalin-Regime um sein Leben fürchten. Die fünfte Sinfonie erschien dann mit dem Etikett „schöpferische Antwort eines Sowjetkünstlers auf gerechte Kritik“. Vermeintlich hält sich die Sinfonie an das Schema „per aspera ad astra“. Mitreißende Musik ist so entstanden. Aber diese Konformität und Regimetreue wird ständig unterschwellig untergraben.

Die Musik ist voll von tiefen Kontrasten. Traumverlorene Passagen treffen auf verzerrte Märsche, überzeichnete Ländler auf ins Banale abgedriftete Volkstümlichkeit, unfassbar traurige Klagegesänge eskalieren in verzweifelten Ausbrüchen. Der Finalsatz endet in einer jubelnd klingenden Apotheose über einem hämmernden Ostinato. Pauken schlagen auf das Publikum ein. Dieser Triumph ist in seiner Übertreibung schal, es ist ein erzwungenes „Jubeln musst du!“, eine parteitagsübliche Verzerrung der Realität. Dies ist subversive Kritik durch zu viel Jubel.

Schroffe Abgründe tun sich also in dieser Musik auf, Stimmungen unterschiedlichster Art stehen dicht nebeneinander. All dies müssen Orchester und Dirigent für das Publikum herausarbeiten, ohne plakativ zu werden. Das gelang exemplarisch. Das Orchester ließ sich vollkommen auf die Emotionen der Musik ein. Im ersten Satz deckten brüchige Stellen in den Bläsern auf, dass die Sentimentalität nur vorgetäuscht ist. Die Verzweiflung des dritten Satzes traf voll ins Herz, ich hatte Tränen in den Augen. Den auf einem Akkord erstarrten Streicherjubel des Finales habe ich selten so deutlich als Fassade, als hohles Etwas empfunden. Langer Beifall mit Bravos. Kevin John Edusei warf seinen Blumenstrauß unter großem Jubel ins überraschend junge Publikum. Für mich als Zuschauer harmonierten Orchester und Dirigent. Ein großer Abend.

Hans-Joachim Riehn

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für 1. Sinfoniekonzert „Speaking Drums“ 22.09.2019

GFO-Stammtisch am 16. September 2019

GFO-Stammtisch am 16. September 2019

Noch unter dem Eindruck der gelungenen Spielzeiteröffnung mit der Oper „La Juive“ trafen sich ca. 30 GFO-Mitglieder zum Stammtisch im „Meiers Lebenslust“.
Mit großer Freude begrüßten wir Christiane Hein, Pressesprecherin & Leiterin Kommunikation & Marketing, Marie Zimmermann, Leiterin Vertrieb, Jéremie Abergel, Flötist Niedersächsisches Staatsorchester, und Bernard Ohse, Referent der Intendantin, und damit gleich vier neue Gesichter aus dem Team des Opernhauses.

v.l.n.r.: Jéremie Abergel, Marie Zimmermann, Bernard Ohse, Christiane Hein

Nachdem sich alle Gäste vorgestellt und über ihre Arbeit an der Staatsoper berichtet hatten, entwickelten sich sehr schnell lebhafte Einzelgespräche.
Wieder hat sich der Stammtisch als gute Gelegenheit gezeigt, sich kennenzulernen und sich auszutauschen über das unerschöpfliche Thema Oper/Musik/Theater.
Alle Gäste fühlen sich in Hannover und an ihren Arbeitsplätzen herzlich aufgenommen.
Dieser Abend lässt auf spannende Opernabende und Konzerte hoffen. Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Stammtisch am 13. Januar 2020. Vielen Dank an das Service-Team für die gute Bewirtung und an Dieter Gebhardt für die schönen Fotos.

Gabriele Warda

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für GFO-Stammtisch am 16. September 2019

Einführungsmatinee „La Juive“ 08.09.2019

Einführungsmatinee „La Juive“ 08.09.2019

Die erste Einführungsmatinee unter der neuen Intendanz, ich war gespannt. Auch der Raum ist neu, solche Veranstaltungen finden nun im neu gestalteten Marschnersaal statt und nicht mehr im Lavesfoyer. Der neue Raum ist intimer, keine Sonne brennt herein. Auch vom Regionsentdeckertag draußen drang kein Laut ins Innere. Es gibt sogar Tische, perfekt für mich dazu, Notizen zu machen. Die Veranstaltung war gut besucht und die Tische sorgten dafür, dass man auch untereinander ins Gespräch kommen konnte.

Regine Palmai, Chefdramaturgin der Oper, sprach kurze, einleitende Worte, dann betraten der Dramaturg Martin Mutschler, die Regisseurin Lydia Steier und der Dirigent Constantin Trinks die Bühne. Nun, nicht ganz die Bühne, die Drei saßen nicht erhöht. Sie entschlossen sich dann, während ihrer Redebeiträge aufzustehen, damit sie besser zu sehen waren. Vielleicht besteht die Möglichkeit, für spätere Veranstaltungen dieser Art ein temporäres, kleines Podium hereinzustellen.

Martin Mutschler machte eine kurze Vorstellung (ich habe durch eigene Recherche noch etwas ergänzt). Lydia Steier stammt aus den USA. Sie wurde 2016 für „Donnerstag aus Licht“ von Stockhausen mit dem Preis der Zeitschrift „Opernwelt“ für die beste Inszenierung ausgezeichnet. Zwei ihrer Regiearbeiten wurden für den renommierten FAUST-Theaterpreis nominiert. Sie inszeniert an großen Häusern (u.a. Komische Oper Berlin, Semperoper), im letzten Jahr war von ihr bei den Salzburger Festspielen die „Zauberflöte“ zu sehen. Constantin Trinks ist auf der ganzen Welt tätig. Bis 2012 arbeitete er als Generalmusikdirektor in Darmstadt, seitdem ist er freischaffender Dirigent. Er dirigiert u.a. an der Deutschen Oper Berlin, der Bayrischen Staatsoper München und der Hamburgischen Staatsoper.

Ein erster Eindruck verfestigte sich schnell – alle brennen für das Stück. Ihre Wortbeiträge zeigten tiefe Einblicke in den Stoff und die Hintergründe.

Zu „La Juive“ von Fromental Halevy gab es einige einführende Worte. Es ist eine ausladende, opulente Oper auf ein Libretto von Eugene Scribe, die 1835 uraufgeführt wurde. Hauptpersonen sind der jüdische Goldschmied Eleazar, seine Tochter Rachel und der Kardinal Brogni, dazu kommen ein Prinz, Leopold, als Verführer der Tochter und dessen oberflächliche Ehefrau Prinzessin Eudoxie. Alles spielt sich ab im fünfzehnten Jahrhundert im Spannungsfeld der Religionen. Es geht um die Frage, wie viel Toleranz eine Mehrheit gegen eine Minderheit aufbringen muss. Dies ist eine Frage, die zur Zeit der Handlung genauso gesellschaftlicher Sprengstoff war wie zur Zeit der Uraufführung und genauso wie heute. „La Juive“ war eine der erfolgreichsten Opern des neunzehnten Jahrhunderts, bevor sie dann „vergessen“ wurde. Ein jüdischer Komponist, ein jüdischer Stoff, die Oper verschwand ab 1933 vollständig von der Bühne und wird nun langsam wiederentdeckt. In Hannover wurde sie 1930 zum letzten Mal gezeigt.

Schon die erste Szene dieses für Lydia Steier „superpräsenten Stoffes“ führt in den Konflikt hinein, fast wie in einem Thriller. Der erste Akt spielt während eines wegen der Konzilseröffnung in Konstanz verordneten christlichen Feiertags. Weil er durch seine hörbare Hämmerarbeit die Ruhe stört, soll Eleazar als Ketzer bestraft werden. Der Großvogt fordert in einem Schnellurteil den Tod für ihn und seine Tochter. Das wird durch das Eingreifen des Kardinals Brogni verhindert.

„La Juive“ ist eine „Grand Opera“ mit fünf Akten, Ballett, Massenszenen, großen Chören und herausfordernden Solopartien. Das Stück ist lang, es ist und war normal, zu kürzen. Hier in Hannover wurde bei den instrumentalen Einlagen (z.B. dem Ballett) gestrichen, das Stück dauert nun dreieinhalb Stunden. Wichtig war aber, die Struktur der Oper auf keinen Fall zu verletzen.

Constantin Trinks erzählte, dass er zuerst Vorbehalte gegen die ihm unbekannte Musik hatte, weil sie überhaupt nicht zu seinem Kernrepertoire (Strauß, Wagner) passte. Nun aber ist er begeistert von der Musik. „Es ist eine Schande, dass ich es nicht kannte.“ Besonders beeindruckt ist er vom Schluss der Oper. Für ihn ist das einer der beklemmendsten Opernschlüsse, die er kennt. Das Erzählen darüber lässt ihm eine Gänsehaut über den Arm laufen. Die Geschichte eskaliert nämlich, Rachel und Eleazar werden dann doch zum Tode verurteilt. Im Augenblick des Todes von Rachel enthüllt Eleazar dem früheren Magistrat und jetzigen Kardinal Brogni Rachels wahre Identität: Sie ist dessen verlorengeglaubte Tochter. Eleazar hatte sie seinerzeit unbemerkt aus dem brennenden Haus Broglis retten können. Eleazar geht triumphierend in den Tod, Brogni bricht zusammen. Musikalisch sei dies beeindruckend umgesetzt, ein allmähliches Ausdünnen und Verdämmern der Musik.

Es ist sehr viel Dramatik und Tragik im Stück, aber auch etwas Rossinihaftes, es geht teilweise auch lustig und witzig zu. Der Kontrast zwischen Humor, Ironie und Dramatik ist groß und erschütternd, aus dieser Fallhöhe bezieht die Oper einen großen Teil ihrer Wirkung.

Constantin Trinks ging dann näher auf die Musik ein. Sie übte erheblichen Einfluss auf Wagner auf, der dieses Stück immer verehrte. Die Originalpartitur war im Besitz Wagners und wird heute noch in der Villa Wahnfried aufbewahrt. Musik und Stoff sind ein gewisser Vorgriff auf den frühen Wagner, es ist ein Musikdrama in der Hülle einer Grand Opera. Es gibt viele Tonartenwechsel und viel Chromatik. Es ist noch nicht so weit entwickelt wie später bei Richard Wagner, aber doch erheblich komplexer als bei den meisten Stücken seiner Zeit. Die Musik ist teilweise sehr anspruchsvoll. Der Einsatz des Englischhorns für melancholische Stellen war wegweisend für spätere Werke, man denke hier an Dvoraks neunte Sinfonie.

Besonders hingewiesen wurde von allen Drei darauf, dass die Dramatik des Stoffes sich auch im Kontrast der Figuren zeigt, insbesondere dem zwischen Eleazar und Kardinal Brogni. Die Charaktere sind dabei aber ambivalent, nicht reinweiß oder tiefschwarz, sie sind nicht stereotyp gezeichnet. Der Kardinal ist unendlich milde. Aber wie weit ist das nur Show für das Publikum? Eleazar ist unsympathisch, von einem Trauma verletzt. Er ist aber auch gnadenlos ehrlich und liebt seine Tochter. Er leidet an seiner Vergangenheit, in der der Magistrat Brogni (damals noch kein Kardinal) seine zwei Söhne hat hinrichten lassen. Eleazar ist hart, dogmatisch und unbeugsam geworden und sinnt auf Rache. Hier stellt sich nicht nur für die Inszenierung die Frage, wie tolerant man gegen eine Person einer Minderheit sein kann, wenn sie nicht sympathisch ist. Rachel ist die einzige Person, die man am ehesten als uneingeschränkt edel bezeichnen kann, vielleicht ist sie daher auch die Titelfigur.

Lydia Steier und Martin Mutschler gingen dann ausführlich auf den Inszenierungsansatz ein. Für sie ist die Oper ein Stück über Machtmissbrauch und Machtstrukturen. Alte Bilder und Vorurteile halten diese Machtstrukturen aufrecht, lenken populistisch das Volk. Gezeigt wird dies hier am Beispiel des Konflikts zwischen Juden und Christen. Diese verfestigten Vorurteilsbilder werden in jedem der fünf Akte in einer anderen Zeitperiode gezeigt. Es beginnt Anfang der Sechziger des zwanzigsten Jahrhunderts im ersten Akt, geht dann mit den Zwanzigern im zweiten Akt weiter. Der fünfte Akt ist dann im fünfzehnten Jahrhundert angekommen. Mit dem Stück fällt man durch die Zeitalter, aber das Bild bzw. Vorurteil bleibt immer präsent. Das Mittelalterbild ist gegenwärtig, dies ist die Schlussfolgerung. Diese Zeitreise zeigt, woher die Klischees in unseren Köpfen kommen.

Bei aller Tiefe ist die Oper aber auch sehr unterhaltsam. Das ist die Herausforderung für eine Inszenierung. Beides – Tiefe und Unterhaltsamkeit – muss sichtbar werden. Es gibt fünfhundert Kostüme und über einhundert Perücken, der „Schauwert“ tritt in Interaktion mit dem Hintergrund des Stückes.

Lydia Steier sagte mit leicht trockenen Humor, dass als Amerikanerin ihr kultureller Hintergrund der Broadway sei. Man muss aus einem Stück herauskommen und muss es genossen haben. Man muss nicht nur etwas gelernt haben. Ein reines Lehrstück sei für sie langweilig. Sinnlichkeit und Farbe zeigen für sie die Fallhöhe des Stückes viel deutlicher.

Alle Drei waren sich dann in der Zusammenfassung über die Kernpunkte einig. Es geht um den Konflikt zwischen Mehrheit und Minderheit, dargestellt am Beispiel des Konflikts zwischen Juden und Christen. Es geht um Toleranz und Intoleranz ganz allgemein. Es geht um diesen Konflikt bei Menschen, die nebeneinander und miteinander leben (müssen). Es geht um die Frage, wie weit man den Anderen in seiner Fremdheit gelten lassen kann. Die Zeit der Uraufführung war eine Zeit großer gesellschaftlicher Auseinandersetzungen – in denen leben wir jetzt wieder. Die Grenzen von Toleranz und Offenheit in solchen müssen diskutiert werden, dazu ist diese Oper sehr gut geeignet.

„La Juive“ ist voll von hochkomplizierten und anspruchsvollen Partien. Mit einem Beispiel trat Matthew Newlin auf, er sang die Serenade des Leopold „Loin de son amie vivre sans plaisirs“. Hier steht in der Rolle ein Verführer auf der Bühne, leichtlebig, ganz ohne Sicht auf das, was er tut und was er zerstört. Der lyrische Tenor Matthew Newlin ist seit 2013 Ensemble-Mitglied der Deutschen Oper Berlin, wo er Hauptrollen wie Tamino, Belmonte, Don Ottavio, Ferrando und Graf Almaviva singt. Neben Hailey Clark als Rachel und Zoran Todorovich als Eleazar aus dem Eröffnungskonzert konnte ich hier die dritte beeindruckende Stimme für diese Oper hören. Allein schon die Stimmen lohnen den Kauf einer Karte.

Ich war von der Matinee sehr angetan. Hier arbeitet ein engagiertes Team, das ist für mich fast immer ein Garant für eine spannende Inszenierung. Das Team hat sich Gedanken gemacht, wie man den eigentlichen Kern des Werks (sein Wesen) herausarbeiten kann und ich glaube, das wird gelingen. Lydia Steier denkt von der Bühne und vom Publikum her. Schauwert gehört für sie zum Theater und muss zur Ausdeutung des Inhalts dazukommen.

Mit „La Juive“ kommt ein hochinteressantes Stück auf uns zu, das zudem relevant für unsere Gegenwart ist. Dazu können wir uns auf ein hervorragendes Ensemble freuen. Mein Tipp ist, sich schnell Karten zu kaufen und nicht erst die Premierenkritiken abzuwarten. Ich habe bereits Karten, muss aber leider noch einige Wochen meinem Besuch entgegenfiebern. Kommt mir zuvor!

Hans-Joachim Riehn

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Einführungsmatinee „La Juive“ 08.09.2019

Eröffnungskonzert der Spielzeit 19/20 an der Staatsoper Hannover am 31.08.2019

Eröffnungskonzert der Spielzeit 19/20 an der Staatsoper Hannover am 31.08.2019

Auf dieses Eröffnungskonzert waren die Operngänger in Hannover besonders gespannt. Es ist der Start der Intendanz von Laura Berman. Ein Großteil des Ensembles ist neu – ist es ein Aufbruch oder eine Enttäuschung? Viele aus dem wirklich guten alten Ensemble sind nicht mehr dabei, beim Publikum herrscht Abschiedsschmerz. Für mich kann ich sagen, dass ich sehr positiv überrascht worden bin. Ich bitte zu entschuldigen, wenn im folgenden Bericht zu oft Wörter wie „wunderbar“ und „klangschön“ vorkommen sollten – aber anders kann ich es nicht sagen.

Hochsommer draußen begleitete das Fest vor dem Haus, bei den Besuchern des Konzerts überwogen sommerlich fröhliche Farben. Das mit Tüchern mit Opernmotiven neu ausgestattete Saalpersonal trug zum frischen Eindruck bei. Der Saal war klimatisiert, die postgelben Programmzettel wurden trotzdem eifrig als Fächer benutzt. Überall bunte Farben. Laura Berman führte dann durch das Programm, in leuchtendem Orange, den Sommer und den Schalk in der Stimme. Sie hat eine wunderbare Art, auf das Publikum zuzugehen – wahrscheinlich könnte sie auch gut eine Talkshow moderieren. Unterstützt wurde sie in ihrer Moderation durch die Dramaturgen Regine Palmai, Julia Huebner und Martin Mutschler, die kenntnisreiche Kurzeinführungen zu den Opern beitrugen, aus denen Ausschnitte zu hören waren. Frau Berman erläuterte das Hauptziel des Abend: Die neuen Ensemblemitglieder stellen sich vor. Die Spannung stieg.

Zu Beginn waren Ausschnitte aus „La Juive“ von Fromental Halevy zu hören, einem Zeitgenossen Meyerbeers. Mit dieser französischen Oper voll Liebe, Romantik und Drama startet die Spielzeit. Ein unbekanntes Werk, „große französische Oper“, die Musik erinnert an den ernsten Rossini, an Donizetti, die Nähe zu Meyerbeer ist zu spüren. Zwei Stücke des Chors („Hosanna, plaisir, ivresse“ und „Quel plaisir, quelle joie“), wunderbar gesungen, gaben Vorahnungen auf grandiose Massenszenen. Hailey Clark sang dann die Romanze der Rachel „Il la venir“ und sorgte mit ihrem leuchtenden, klaren Sopran für das erste Aufhorchen. Zoran Todorovich wird als Gast sein Rollendebut als Eleazar geben. Sein Otello-gestählter Tenor hatte keine Mühe, sich über die Orchesterklänge zu erheben, bei aller Energie klangschön und textverständlich. Diese Oper wird ein Fest der großen Stimmen werden. Wie ich gehört habe, soll es an die fünfhundert Kostüme geben, also wird es wohl auch ein Fest fürs Auge. Valtteri Rauhalammi, Erster Kapellmeister der Oper, dirigierte das Niedersächsische Staatsorchester mit der gewohnten Präzision.

Wie immer zu Beginn war das hannoversche Publikum mit dem Beifall noch etwas zurückhaltend, es steht immer das für hier typische „darf man enthusiastisch sein?“ im Raum. Das Eis wurde dann mit den Ausschnitten aus „Il Barbiere di Siviglia“ von Rossini gebrochen. Hier dirigierte Michele Spotti, ein junger italienischer Dirigent, der in dieser Saison als Gast verschiedene Stücke leiten wird. Hier steht jemand am Pult, der mit Schwung und spürbarer Begeisterung alle mitreißt. Die Ouvertüre dieser Oper habe ich selten so lebendig und glühend erlebt. Danach war auch das Publikum entflammt. Nina van Essen und Hubert Zapior zeigten dann mit dem Duett Rosina/Figaro „Dunque io son“, dass man das noch steigern kann. Voller Spielfreude agierten sie, Liebesfunken sprühten. Nina van Essen erfreute mit ihrem beweglichen, sinnlichen Mezzosopran, Hubert Zapior mit seinem klangschönen Bariton. Dieses Paar auf der Bühne zu erleben wird eine Freude sein. Hannover traute sich den ersten Beifallssturm. Aber die Oper hat noch einen weiteren Figaro zu bieten – German Olvera betrat die Bühne und wickelte das Publikum mit „Largo al Factotum“ von der ersten Sekunde an um den Finger. So selbstsicher und gleichzeitig ironisch sieht man selten einen Figaro, dazu mit absolut sicherer Beherrschung der Stimme, warm und temperamentvoll. Jetzt war das Publikum vollkommen außer sich. Wahrscheinlich werden Einige so wie ich den Gedanken gehabt haben, sich die Oper zweimal anzuschauen, einmal mit Hubert Zapior und einmal mit German Olvera. Das wird ein echter Wettstreit der Womenizer auf hohem Gesangsniveau!

Nach so viel Sinnlichkeit auf der Bühne kamen zwei Arien aus „Alcina“ von Händel gerade recht, um die Gefühle ein bißchen „abzukühlen“. Händels Musik ist ja ebenfalls sinnlich, aber auf eine etwas distanziertere „britische“ Art. Evgenia Asanova sang die Arie des Bradamante „E Gelosia“, agil und mezzo-funkelnd schön. Sie wird neben Nina van Essen als Rosina zu hören sein, auch das ein spannender Wettstreit zweier hinreißender Stimmen. Rupert Charlesworth brillierte in seiner Arie des Oronte „E un Folle“ mit fast akrobatischen Gesangslinien, jeder Ton präzise auf den Punkt. Mich bringt solche Kunst einfach nur zum Staunen. Ich bin nicht so ein Fan von Barockmusik, diese beiden Darbietungen könnten einen aber zum Fan machen. Mit viel Beifall endete der erste Teil des Konzerts. In der Pause drehten sich die Gespräche um das Gehörte, freudige Erregung war zu spüren.

Den zweiten Teil des Konzerts startete das Orchester unter Valtteri Rauhalammi mit dem „Tropical Storm“ aus „Nixon in China“ von John Adams. Minimal Music geht mit Anklängen an Wagner, Strauß und Filmmusik eine faszinierende und mitreißende Mischung ein. Eine hochemotionale Klangwoge rauschte durch den Saal, phantastisch gespielt. Das ist Musik, die dem Publikum zugewandt ist. Danach präsentierte Mercedes Arcuri ein Glanzstück für Koloratursopran, die Arie „I am the wife of Mao Tse-Tung“ aus dieser Oper. Das ist ein Stück, das hohe Töne wie Giftpfeile ins Publikum schleudert, auftrumpfend und fast dämonisch. Laura Berman nannte in ihrer Anmoderation diese Rolle „die Königscobra im Haus“. Absolut präzise und voller Energie bewältigte Mercedes Arcuri die großen Tonsprünge und die gleißenden Spitzentöne.

Dann übernahm Carlos Vazquez das Dirigentenpult, der neue Studienleiter der Oper. „Märchen im Grand Hotel“ von Paul Abraham stand auf dem Programm. Im Duett Isabella/Andreas („Hoheit, heute bin bezaubert“ und „Ich wär so gerne Königin“) konnte Mercedes Arcuri eine andere Seite ihres klaren Soprans zeigen, das Lockere und Beschwingte. Philipp Kapeller glänzte mit seinem jugendlich und unbeschwert klingenden Tenor. Alexander von Hugo als Gast sang dann als Albert „Ich habe sie heute früh gesehen“ im besten Operettenton. Seine perfekte Stepeinlage riss das Publikum zu Bravos hin. Das Duett Isabella/Chamonix „Mon Ami“ schloß sich an, in dem Frank Schneiders sein komödiantisches Talent ausspielen konnte. Mit der Märchensuite schloß dieser leichte, beschwingte Teil. Der Appetit auf diese Operette war bei mir geweckt.

Ausschnitte aus „La Boheme“ beschlossen den Abend, wieder mit Michele Spotti am Pult. Das ist keine neue Inszenierung, aber die Stimmen sind neu. Nach diesen Ausschnitten steht fest, dass man sich Karten besorgen muss, denn die Stimmen dafür sind großartig und staunenswert. Long Long begann mit der Arie des Rodolfo „Che gelida manina“. Ganz frei erstrahlte die Stimme, voller Leben. Es klang wie das Natürlichste auf der Welt. Dann sang Barno Ismatullaeva die Arie der Mimi „Mi chiamano Mimi“. Ihre Stimme ist ein dunkel getönter Sopran, ein Wunder an Klang. Während der Arie saß das Publikum vollkommen still da, wie festgebannt, danach erhob sich so wie bei Long Long ein Beifallssturm. Das Programm schloss dann mit dem Walzer der Musetta und dem Finale des zweiten Bilds der Oper. Für die Musetta ist Hailey Clark eine Idealbesetzung, mit leichter, leuchtender Stimme, kokett. Das Ensemble hier auf der Bühne (jetzt dabei noch Patrick Jones, James Newby, Darwin Prakash und Richard Walshe) harmonierte perfekt, das Zuhören machte einfach Spaß. Von den jetzt neu Dazugekommenen hätte ich gern mehr gehört, aber so ein Eröffnungskonzert kann wohl nicht alle Wünsche erfüllen. Den enthusiastischen Beifall des Publikums belohnten alle Auftretenden mit dem schwungvollen „Die Majestät wird anerkannt“ aus der Fledermaus. Michele Spotti dirigierte so mitreißend, dass kein Halten mehr war. Das Publikum raste, es gab Bravos und dann die für Hannover so seltenen standing ovations. Wir müssen uns um die neue Saison keine Sorgen machen. Da kommt etwas Großes auf uns zu. Es sind Künstler von Weltklasse hier angekommen.

Hans-Joachim Riehn

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Eröffnungskonzert der Spielzeit 19/20 an der Staatsoper Hannover am 31.08.2019

Eröffnungsfest

Ein gelungener Einstieg bei herrlichem Sommerwetter.
Wir freuen uns auf eine spannende Spielzeit!

Mitglieder des GFO-Vorstands und -Beirats beim Eröffnungsfest auf dem Opernplatz

Alles sammelt sich zum Festumzug in Richtung Schauspielhaus

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert für Eröffnungsfest